Zum Wintersemester 2004/05 führte die Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) als erste Hochschule im süddeutschen Raum ein Frühstudium ein. Dieses ermöglicht es besonders begabten und interessierten Schülerinnen und Schülern, ab der 10. Klasse – in Sonderfällen auch ab der 9. Klasse – reguläre Lehrveranstaltungen zu belegen, an Prüfungen teilzunehmen und die erbrachten Leistungen für ein späteres Studium anrechnen zu lassen.
Das Auswahlverfahren für das Frühstudium wird von der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der JMU organisiert und durchgeführt. „Dabei geht es nicht einfach darum, Schülerinnen und Schüler mit besonders guten Schulnoten auszuwählen“, so Professor Tobias Richter, Direktor der Beratungsstelle. „Entscheidend sind auch die fachspezifische Begabung und Motivation sowie die Frage, ob die zusätzliche Herausforderung eines Studiums neben der Schule gut bewältigt werden kann.“
Knapp 1.000 Frühstudierende haben seitdem dieses Angebot genutzt, gut 50 sind es pro Semester. Einer von ihnen war seit dem Wintersemester 2021/22 Veit Lang. „Während der Corona-Pandemie hatte ich plötzlich viel Zeit. Ich hatte Interesse an Uni-Veranstaltungen und habe angefangen, Vorlesungen online mitzuverfolgen“, erzählt er von seinen ersten universitären Erfahrungen.
Während die meisten Frühstudierenden ein bis zwei Veranstaltungen pro Semester belegen und nur ein Achtel mindestens vier Semester frühstudiert, hat der Abiturient des Egbert-Gymnasiums in Münsterschwarzach gleich mehrere Bestmarken aufgestellt.
Herausragend auf verschiedenen Ebenen
Mit insgesamt zehn Semestern zeigte sich Veit Lang ausdauernder als alle bisherigen Frühstudierenden – und er nutzte die Zeit an der Uni auch effektiv. Während des Frühstudiums erbrachte er nicht nur die nötigen 180 ECTS-Punkte, inklusive Bachelorarbeit, für einen Bachelorabschluss in Mathematik. „Tatsächlich sammelte Veit satte 243 ECTS-Punkte, ‚überpunktete‘ demnach in mehreren Wahlpflichtbereichen“, erzählt Dr. Richard Greiner, Fachkoordinator für das Frühstudium an der JMU.
Nicht nur die Quantität beeindruckt, auch qualitativ war Veit Langs Frühstudium außergewöhnlich. Er erreicht für seinen Bachelor-Abschluss in Mathematik die Gesamtnote 1,0 – mit Auszeichnung – und hat mehrfach die Prüfungen als Prüfungsbester abgeschlossen.
Als wäre das alles noch nicht beeindruckend genug, ergänzte er sein Programm während der letzten vier Semester noch um ein Frühstudium in der Physik.
Premiere in Würzburg
Veit Lang ist damit der erste Frühstudierende an der JMU, der alle Voraussetzungen für einen Bachelorabschluss erfüllt – und der zweite, der einen akademischen Abschluss erreicht. 2011 erhielt Sebastian Weingärtner mit damals 19 Jahren seine Diplomurkund im Fach Informatik. Insgesamt sind solche Leistungen in ganz Deutschland extrem selten.
19 Jahre alt ist auch Veit Lang. Als er im August seine Bachelorarbeit als finalen Baustein für den Abschluss abgibt, sind seine Abiturprüfungen gerade erst ein paar Monate her: „Das war schon sehr herausfordernd. An vielen Tagen bin ich erschöpft ins Bett gefallen. An mindestens genauso vielen bin ich aber mit viel Freude an die Uni gefahren.“
Besondere Leistung erfordert besondere bürokratische Behandlung
Wie außergewöhnlich ein solches Szenario ist, zeigt der bürokratische Weg, der absolviert werden musste, bis Veit Lang sein Universitätszeugnis tatsächlich entgegennehmen wird.
Einen akademischen Abschluss kann an einer deutschen Hochschule nur erhalten, wer ordentlich immatrikuliert ist. Dafür wiederum braucht es die Hochschulzulassungsberichtigung; im Fall von Veit Lang also das Abitur.
Formal immatrikulieren kann sich der Frühstarter also erst zum kommenden Wintersemester 2026/27. Dann geht aber alles ganz schnell: „Veit wird am 01.10.2026, dem ersten Tag des Verwaltungszeitraums des Wintersemesters, ein Blitzanrechnungsverfahren durchlaufen, in dem ihm alle im Frühstudium erworbenen Leistungen angerechnet werden“, so Richard Greiner.
Am selben Tag gibt es dann auch Bachelorurkunde und Abschlusszeugnis – und damit die Voraussetzung, sofort ein Masterstudium zu beginnen.
Weg wird an der JMU fortgesetzt
Auch dieses wird der aus Hörblach im Landkreis Kitzingen stammende Veit Lang an der Universität Würzburg aufnehmen. Für Mathematische Physik hat er sich entschieden, gewissermaßen eine Kombination aus beiden Fächern, in denen er bereits im Frühstudium mehr als erfolgreich war.
JMU-Präsident Paul Pauli freut sich entsprechend: „Wir sprechen hier von einer wirklich außergewöhnlichen Leistung eines außergewöhnlichen jungen Menschen. Exzellente Studierende sind ein Eckpfeiler unserer Universität. Umso schöner ist es natürlich, dass wir in Veit Lang genau einen solchen weiterhin an der JMU behalten dürfen.“
Zahlen und Informationen zum Frühstudium
Unter dem Motto „Mehr wissen wollen und mehr verkraften können“ führte die JMU als erste Hochschule im süddeutschen Raum im Wintersemester 2004/05 ein Frühstudium ein und öffnete es für praktisch das ganze Fächerspektrum. Die Begabungspsychologische Beratungsstelle begleitet das Frühstudium seit seinen Anfängen und verantwortet das Auswahlverfahren.
Im nächsten Jahr wird die oder der 1.000ste Frühstudierende an der Universität erwartet. Die Frühstudierenden der JMU kommen aus rund 80 Gymnasien im Umland.
Knapp die Hälfte frühstudiert zwei oder mehr Semester, rund ein Achtel mindestens vier Semester. Mit etwa 25 Prozent der Frühstudierenden ist die Mathematik das beliebtesten Fach. Es folgen Chemie, Informatik und Physik mit jeweils etwa 10 Prozent. In den letzten Semestern waren zwischen 50 und 60 Frühstudierende an der JMU aktiv. Diese Zahlen dürften mit der Rückkehr zum G9 leicht steigen.
Das Frühstudium spricht Schülerinnen und Schüler an, die ein starkes Interesse für ein Fach haben – jenseits des an der Schule Mach- und Vermittelbaren. Es wird durch den Unitag ergänzt, der ein Semester lang freitags die Teilnahme an ausgesuchten Veranstaltungen in mehreren Fächern erlaubt.
