Werden humanoide Roboter uns künftig die Arbeit abnehmen? Bei ZDFheute live erläutert Professorin Sabine Pfeiffer, Arbeitssoziologin und Vorsitzende des bidt-Direktoriums, welche technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen damit verbunden sind. Weitere Medienbeiträge greifen ihre Einschätzungen zum Wandel der Arbeitswelt auf.
Humanoide Roboter zwischen Vorführung und Alltag
Bei der Roboter-WM in Peking demonstrierten die humanoiden Kontrahenten, wie schnell sich die Technik entwickelt. Die Maschinen traten in sportlichen Disziplinen an, transportierten eindrucksvoll Gegenstände und zeigten Fähigkeiten, die künftig auch in der Industrie, im Dienstleistungsbereich oder im Haushalt gefragt sein könnten. In der Ausgabe von ZDFheute live vom 27. August 2026 diskutiert Moderatorin Christina von Ungern-Sternberg mit dem Robotikexperten Professor Jan Peters (Technischen Universität Darmstadt) und der Arbeitssoziologin Professorin Sabine Pfeiffer (FAU Erlangen-Nürnberg und bidt-Direktoriumsvorsitzende) darüber, was humanoide Roboter tatsächlich leisten können – und welche Folgen ihr Einsatz für Arbeit und Gesellschaft hätte.
Die spektakulären Bilder erzählen für Pfeiffer nur die halbe Geschichte. Was unter kontrollierten Bedingungen funktioniert, muss sich erst im unübersichtlichen Alltag bewähren:
Ich bin da etwas skeptischer. Die Robotik macht derzeit enorme Innovationsfortschritte. Ob sich das technisch Mögliche aber auch im realen Alltag – etwa in einer Fabrik oder einem Pflegeheim – umsetzen lässt, ist noch einmal ein riesiger Schritt. Das zeigt sich bei jeder Stufe der Automatisierung.
Prof. Dr. Sabine Pfeiffer
Zum Profil
Am Beispiel der Pflege wird deutlich, was damit gemeint ist. Dort müssten Roboter unter Zeitdruck mit Menschen umgehen, deren körperliche und mentale Verfassung sich von Tag zu Tag verändern kann. Schon das Anziehen eines Thrombosestrumpfs verlangt situatives Reagieren, Sorgfalt und Erfahrung. Von einem robusten Einsatz humanoider Roboter in solchen Situationen sei die Technik noch weit entfernt.
Hinzu kommen ganz praktische Voraussetzungen: Roboter benötigen Wartung, Updates, Sicherheitskonzepte und qualifiziertes Personal. Ihr Einsatz muss zudem wirtschaftlich tragfähig sein. Auch die humanoide Gestalt ist nicht für jede Aufgabe die beste Lösung. In hochautomatisierten Fabriken können spezialisierte Systeme einem auf zwei Beinen balancierenden Roboter überlegen sein. Im Privathaushalt wiederum stellen sich zusätzliche Fragen des Datenschutzes und der Cybersicherheit, weil ein hilfreicher Roboter viel über seine Umgebung und die Routinen der dort lebenden Menschen wissen müsste.
Einzelne Tätigkeiten automatisieren, ganze Berufe ersetzen?
Auch deshalb hält Pfeiffer die Vorstellung, Roboter könnten in absehbarer Zeit ganze Berufe ersetzen, für verkürzt. Automatisiert werden zunächst einzelne, klar beschreibbare Tätigkeiten. Berufe umfassen jedoch weit mehr: Erfahrung, Kommunikation, Urteilsvermögen und den Umgang mit unerwarteten Situationen. Menschen lediglich als Kostenfaktor zu betrachten, verkennt zudem ihre Rolle für die Wertschöpfung in Unternehmen.
Aus der technischen wird damit eine gesellschaftliche Frage. Auf die Vision, Arbeit könne durch Roboter und künstliche Intelligenz künftig „optional“ werden, reagiert Pfeiffer nüchtern: Welche Arbeit erhalten bleibt, wie Automatisierungsgewinne verteilt werden und wovon Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, entscheidet nicht allein die Technik. Vielmehr müsse darüber gesellschaftlich verhandelt werden.
Die Automobilindustrie braucht eine Zukunftsstrategie
Wie wichtig eine gute, sozio-betriebliche Einbettung neuer Technologien ist, zeigt auch Pfeiffers Einschätzung in der ZDF-Sendung WISO. In dem am bidt aufgezeichneten Interview spricht sie über die Krise der deutschen Automobilindustrie. Bisherige Wachstumswege – etwa über den chinesischen Markt und attraktive Leasingmodelle – seien weitgehend ausgeschöpft. Angekündigte Werksschließungen könnten zwar Teil betrieblicher Verhandlungen sein. Das grundlegendere Problem sieht Pfeiffer jedoch in der fehlenden Vorstellung davon, mit welchen Produkten und Geschäftsmodellen die Branche künftig erfolgreich sein will. Personalabbau allein ersetzt keine Zukunftsstrategie.
KI am Arbeitsplatz: Entlastung ist kein Selbstläufer
Dass ein technisches Hilfsmittel noch keine vollständige Vertretung und auch kein automatisches Entlastungsversprechen ist, zieht sich durch weitere aktuelle Medienauftritte. Im t3n-Podcast erläutert Pfeiffer, warum künstliche Intelligenz den Stress am Arbeitsplatz sogar erhöhen kann: Werden erwartete Produktivitätsgewinne vorschnell in engere Zeit- und Personalbudgets übersetzt, während zugleich zusätzliche Kontrollarbeit entsteht, nimmt die Belastung eher zu als ab. Entscheidend sei daher, den konkreten Anwendungsfall, mögliche Fehler und notwendige Kontrollen von Beginn an mitzudenken.
Auch als vermeintliche Urlaubsvertretung kann künstliche Intelligenz klar abgegrenzte Routinen übernehmen, aber nicht ohne Weiteres die gesamte Rolle einer Kollegin oder eines Kollegen ausfüllen, wie Pfeiffer in einem Artikel der WirtschaftsWoche erläutert. Im Interview mit dem Fränkischen Tag erweitert Pfeiffer den Blick schließlich auf die aktuelle Debatte über Arbeitszeit und wirtschaftliche Leistung: Einfach mehr zu arbeiten sei keine hinreichende Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen.
Wie sich Arbeit unter dem Einfluss neuer Technologien verändert, behandelt auch die vierteilige ARTE-Dokumentation „Hauptsache Arbeit“. Mit Blick auf künstliche Intelligenz erinnert sie daran, dass technische Systeme nicht fehlerfrei sind. Es braucht weiterhin Menschen, die ihre Ergebnisse beurteilen und auf ihre Richtigkeit prüfen.
Pfeiffer zeichnet über alle Beiträge hinweg ein klares Bild: Nicht die Technik allein bestimmt die Zukunft der Arbeit. Entscheidend ist, für welche Aufgaben sie eingesetzt wird, wie Betriebe ihren Einsatz gestalten und wie Nutzen, Risiken und Gewinne gesellschaftlich verteilt werden. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob ein Roboter (schneller als ein Mensch) sprinten kann, sondern vielmehr ob Technik Menschen im Arbeitsalltag verlässlich unterstützt.
Zu den Beiträgen
ZDF heute Live
Welche Aufgaben Roboter zukünftig übernehmen
ZDF WISO – Das Wirtschaftsmagazin
Zukunft der Automobilindustrie
t3n
KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist
Arte-Dokumentation
Hauptsache Arbeit
Fränkischer tag (Bezahl-Inahlt)
Interview: Arbeiten wir wirklich zu wenig, Frau Pfeiffer?
WirtschaftsWoche (Bezahl-Inahlt)
„Vertreten lässt sich ein Ablauf, nicht eine Person“
Der Beitrag Humanoide Roboter, künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit – Sabine Pfeiffer in den Medien erschien zuerst auf bidt DE.
