In den drei Jahrtausenden vor Christi Geburt blühte im Vorderen Orient eine Hochkultur, die viele Informationen über sich hinterlassen hat: auf Tontafeln, beschrieben in Keilschrift. Bei dieser Art des Schreibens wurden keilförmige Schriftzeichen mit Schreibgriffeln in feuchte Tontafeln gedrückt, die schließlich getrocknet wurden – fertig war ein lange haltbares Schriftstück.
Die meisten Tontafeln sind im Lauf der Zeit zerbrochen, ihre Fragmente über Museen auf der ganzen Welt verstreut. Die Altorientalistik steht daher vor einer komplexen Aufgabe: Sie muss die Bruchstücke richtig zusammensetzen. Erst dann ist es möglich, die kompletten Dokumente zu lesen und Informationen über das Leben im Alten Orient zu gewinnen.
Forscherinnen und Forscher der Universität Würzburg und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz befassen sich damit seit vielen Jahren. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Kultur der Hethiter, die vor 3.500 Jahren im heutigen Anatolien lebten. Das „Alphabet“ dieses Volks ist umfangreich: Es setzt sich aus nicht weniger als 375 Keilschriftzeichen zusammen, die für Silben, aber auch für ganze Wörter stehen.
Mehrfach Meilensteine für die Altorientalistik gesetzt
Bei seiner Arbeit hat das Würzburg-Mainzer Team immer wieder weltweit beachtete Meilensteine in der Altorientalistik gesetzt.
Vor 25 Jahren etablierten Gernot Wilhelm und Gerfrid Müller das Hethitologie-Portal Mainz – mit einem digitalen Katalog aller bekannten 30.000 hethitischen Tontafel-Fragmente, zahlreichen Forschungsmaterialien und Texten. Das Verzeichnis der Tontafeln stammt ursprünglich von Silvin Košak. Zu diesem Portal tragen Forscher weltweit bei und es ist via Internet frei zugänglich.
Vor zehn Jahren stellte das Team ein digitales Tool vor, das die Eigenheiten einzelner Keilschriftzeichen in 3D erfassen kann. Das erleichterte die computergestützte Rekonstruktion der antiken Tontafeln deutlich. 2023 folgte das Tool TLHdig: Damit lassen sich die Texte in Keilschrift oder in Umschrift durchsuchen.
Individuelle Form der Keilschriftzeichen ist wichtig
Nun präsentiert das Portal sein neuestes Tool, das „Palaeographicum“. Es erkennt auf den digitalisierten Fotos im Hethitologie-Portal die individuelle Form einzelner Keilschriftzeichen und sucht im gesamten Tontafelfundus nach identisch oder ähnlich geschriebenen Zeichen. Dann schneidet es die Zeichen aus den Fotos aus und stellt sie anschaulich in Bildertabellen zusammen.
Die aktuelle Version des Palaeographicum bietet Zugriff auf 70.000 Fotos, auf denen mehr als fünf Millionen Keilschriftzeichen dokumentiert sind. Entstanden ist es aus einer Kooperation mit der Technischen Universität Dortmund.
Die individuelle Form der Zeichen ist für die Forschung sehr wichtig, denn damit lassen sich einzelne Schreiber unterscheiden. Zwar wurde die Keilschrift mit Griffeln in den Ton gedrückt, aber in den Texten sind doch individuelle „Handschriften“ erkennbar: Jeder Schreiber hatte seinen eigenen Stil. Manche zogen den Griffel so schwungvoll aus dem Ton, dass Schnörkel entstanden, andere setzten die Zeichen mit jeweils charakteristischen Abständen.
Palaeographicum erleichtert Vergleich von Handschriften
Erkennt man die Eigenheiten der Schreiber, erleichtert das die Arbeit beim Zusammenfügen der Tontafel-Fragmente. „Mit bloßem Auge schaffen wir das meist nur langsam und mit Mühe“, sagt Altorientalistik-Professor Gerfrid Müller. Das liegt an der Dreidimensionalität der Keilschrift – je nach Lichteinfall sind die Zeichen auf den Fotos unterschiedlich gut lesbar.
„Das Palaeographicum verändert unsere Arbeit radikal, wir können damit tausende Arbeitsstunden einsparen“, sagt Professor Daniel Schwemer, Leiter des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Uni Würzburg. Ein Beispiel: Für den Vergleich der Schriftbilder einzelner Zeichen auf fünf Tontafel-Fragmenten seien früher drei Tage nötig gewesen. Jetzt lasse sich das in fünf Minuten erledigen.
Wie in Europa haben sich auch im Alten Orient die Handschriften im Lauf der Jahrhunderte deutlich verändert. Weil auf den hethitischen Tontafeln niemals ein Datum steht, hilft das neue Tool der Forschungscommunity auch dabei, einzelne Fragmente zeitlich zuzuordnen. Darum hat es den Namen „Palaeographicum“ bekommen: Er bezieht sich auf die Palaeographie, die Lehre von der historischen Entwicklung alter Handschriften.
KI wird laufend weitertrainiert
Die Arbeit an dem Tool ist nicht beendet: „Wir trainieren die KI laufend weiter“, sagt Gerfrid Müller. Auch auf die Wünsche der Nutzer gehe das Team bei der Weiterentwicklung des Palaeographicum ein – „wenn sie technisch umsetzbar sind und die Arbeit für alle erleichtern“.
Aus der weltweiten Hethitologie-Community sind schon etliche positive Rückmeldungen zum neuen Tool eingelaufen. Großartig publik machen musste das Entwicklungsteam seine Arbeit nicht: Die Ankündigung unter den News im Hethitologie-Portal Mainz reichte völlig aus. „Alle Forschenden in der Hethitologie öffnen am Morgen als erstes das Portal, ohne geht es einfach nicht“, sagt Daniel Schwemer.
Ausblick: Sozialgeschichte der Schreibkultur
Für die Zukunft haben die Forschenden ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchten die KI so gut trainieren, dass diese automatisch die Handschriften einzelner Schreiber erkennt.
Das aber ist eine komplexe Aufgabe. Unter anderem aus dem Grund, dass die Schreiber unterschiedliche Schriftbilder produziert haben – je nachdem, ob sie in Ruhe zu Hause in Schönschrift arbeiteten oder ob sie bei einem Vor-Ort-Termin, etwa bei der Inspektion der Heiligtümer des Hethiterreichs, hastig ein Protokoll anfertigten.
„Falls wir das Ziel erreichen, könnten wir ein besseres Bild davon bekommen, was einzelne Schreiber im Lauf ihres Berufslebens produziert haben“, sagt Daniel Schwemer, „und wir könnten eine Sozialgeschichte der hethitischen Schreibkultur erstellen.“ Das wäre dann wohl der nächste Meilenstein, den das Würzburg-Mainzer Team setzen würde.
Entstehungsgeschichte des Tools
Die Basis für das neue Tool legte das von der DFG geförderte CuKa-Projekt (Computer-assisted cuneiform analysis): Von 2018 bis 2023 entwickelte Gerfrid Müller in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund das KI-Modell, das dem Palaeographicum nun zu Grunde liegt.
Im Lauf des Projekts entstand auch ein webbasierter Demonstrator. Turna Somel von der Mainzer Akademie erledigte dafür die philologische Arbeit, annotierte das Trainingsmaterial und wertete die Trainingsergebnisse aus. Die Entwicklung des KI-Modells lag in den Händen von Christopher Rest und Eugen Rusakov von der TU Dortmund.
Nach dem Abschluss des Projekts entwickelten Gerfrid Müller, Christopher Rest und Herbert Baier Saip vom Zentrum für Philologie und Digitalität der Uni Würzburg das visuelle Online-Tool des Demonstrators weiter – es war bis dahin noch zu schwerfällig, um die riesige Menge an verfügbaren Fotos zu verarbeiten. So entstand die erste Version des Palaeographicum.
Die Festrituale der Hethiter
Das Projekt „Das Corpus der hethitischen Festrituale“ wird von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz gefördert und ist Teil des gemeinsamen Forschungsprogramms der Wissenschaftsakademien. Das Akademienprogramm dient der Erschließung, Sicherung und Erforschung weltweiter kultureller Überlieferungen und ist derzeit das größte Langzeit-Forschungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland für geistes- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung.
