Wie sind Texte über Jahrtausende hinweg entstanden, wie haben sie sich verändert und wie haben sie das Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen geprägt? Diesen Fragen widmet sich der neue Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“, der zu Beginn des Jahres 2026 an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) seine Arbeit aufgenommen hat.
Mit dabei ist Professor Martin A. Stadler vom Lehrstuhl für Ägyptologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Er wird in den kommenden sieben Jahren als einer der leitenden Wissenschaftler sein Fach in diesem internationalen Forschungsverbund vertreten. Gemeinsam mit ihm arbeitet Dr. Carolina Teotino-Tattko in dem Projekt.
Die Kunstgeschichtlerin und Ägyptologin ist dafür von der Uni Tübingen nach Würzburg gewechselt. Sie ist hier allerdings keine Unbekannte: Vor vier Jahren war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Würzburger Ägyptologie; schon damals stand der Horus-Tempel von Edfu im Zentrum ihrer Arbeit. Im „Haus des Min“, einer Kapelle im Tempelinneren, erforscht sie seitdem in enger Abstimmung mit dem Würzburger Team dessen Bedeutung, kultische Funktion und Textgeschichte.
25 Fachdisziplinen arbeiten zusammen
Der Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“ gehört zu den größten geisteswissenschaftlichen Initiativen, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden. Über 25 Fachdisziplinen – von der Musikwissenschaft bis zur Rechtsgeschichte – aus 27 internationalen Forschungseinrichtungen arbeiten hier zusammen, um die Vielfalt schriftlicher Traditionen weltweit zu erforschen.
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Menschen in den letzten 5.000 Jahren mit Texten umgegangen sind, um so auch die heutige Kommunikation zwischen den Kulturen zu verbessern. Dabei reichen die Forschungsschwerpunkte von den Inschriften der Könige von Assyrien über epigraphische Praktiken in tibetischen Kulturräumen und jüdisch-arabische Texte bis zu Bleiamuletten im vormodernen Skandinavien und der Rezeption von William Shakespeares‘ Werken in Deutschland.
Ägyptens Erbe: Mehr als nur starre Hieroglyphen
Innerhalb des Clusters nimmt die Universität Würzburg eine Schlüsselrolle ein, nachdem die Ägyptologie eine der ältesten und langlebigsten Schriftkulturen der Menschheit untersucht. Von den insgesamt 5.000 Jahren, die der Cluster betrachtet, deckt die ägyptische Überlieferung allein rund 4.000 Jahre ab – ausgehend von der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. bis in die Spätantike der Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr.
„Altägypten hat ein unglaublich umfangreiches Korpus an Schriftquellen hervorgebracht“, erklärt Martin Stadler. Entgegen dem Klischee von starren, unveränderlichen Texten zeigt die Forschung, dass die alten Ägypter sehr kreativ mit ihren Traditionen umgingen. Selbst religiöse Texte wurden von den damaligen Schreibern oft mit neuen Varianten versehen, um die eigene Gelehrsamkeit zu zeigen oder sogar neue Mythen zu begründen.
Texte im Tempel: Das Edfu-Projekt
Im Mittelpunkt von Stadlers Beitrag steht das Projekt „Text in Raum und Zeit: Studien zum textlichen und ikonographischen Programm des Tempels von Edfu“. Der Horus-Tempel von Edfu ist der besterhaltene Tempel Ägyptens; er steht in Oberägypten, etwa 100 Kilometer südlich von Luxor, am westlichen Nilufer. Erbaut in der Zeit von 237 bis 57 v. Chr., ist der Tempel mit einem komplexen System aus Inschriften und Bildern versehen. Bilder und hieroglyphische Gestaltung greifen dabei ineinander und machen den Tempel zu dem, was er ist: ein Abbild des Kosmos nach ägyptischer Vorstellung.
In Edfu wollen Stadler und sein Team untersuchen, wie Inschriften und Bilder im Horus-Tempel zusammenspielen und welche Bedeutung ihr spezieller Ort innerhalb des Gebäudes hat. Die Texte werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrer Beziehung zu den Himmelsrichtungen und dem architektonischen Aufbau des gesamten Tempels analysiert.
Altägyptische Schreiber waren keine bloßen Kopisten
Stadlers frühere Forschung in diesem Tempel hat gezeigt: Das Bild der altägyptischen Schreiber als bloße Kopisten starrer „heiliger Texte“ trifft nicht zu. Vielmehr belegen die Befunde eine bewusste Flexibilität. „Durch gezielte Varianten bewiesen die Gelehrten ihre eigene Sachkenntnis und begründeten mitunter neue Mythen“, sagt Stadler.
Philologie werde hier als lebendiger, individueller Prozess greifbar, in dem Fachleute aktiv mit Traditionen spielten. Diese Erkenntnisse zeigen, dass philologische Praxis bereits vor Jahrtausenden ein Ausdruck eigenständiger intellektueller Leistung war und Texte stets in engem Bezug zu ihrer räumlichen Umgebung standen.
Brückenschlag zwischen den Disziplinen
Für die Universität Würzburg bietet die Beteiligung am Exzellenzcluster die Chance, die ägyptologische Forschung eng mit anderen Sprach- und Kulturwissenschaften zu vernetzen. „Die Ägyptologie kann hier den Spagat zwischen der klassischen Textarbeit und dem modernen Austausch mit anderen Wissenschaften meistern“, so Stadler. Durch den Vergleich mit anderen Kulturen erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse darüber, wie Gelehrte in der Antike arbeiteten und wie ihre Texte den internationalen Austausch jener Zeit beeinflussten.
Kontakt
Prof. Dr. Martin A. Stadler, Lehrstuhl für Ägyptologie, T +49 931 31-82787, martin.stadler@uni-wuerzburg.de
Homepage des Exzellenzclusters
Homepage von Martin A. Stadler
Informationen zum Horus-Tempel
