Wie Waldumbau Mistkäfern schaden kann

Um dem Artenverlust in den oft eintönigen Wirtschaftswäldern Europas entgegenzuwirken, setzen Forstwirtschaft und Naturschutz auf mehr Strukturvielfalt. Die Strategie: Durch das gezielte Schaffen von Lichtungen und die Anreicherung von Totholz sollen die Bedingungen natürlicher Wälder nachgeahmt werden. Diese Maßnahmen gelten als positiv für die Biodiversität, da sie Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere schaffen.
In einem der größten forstwirtschaftlichen Experimente Deutschlands hat ein Forschungsteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) nun untersucht, wie sich diese Strategie auf Mistkäfer auswirkt. Sie verglichen konventionell bewirtschaftete, dichte Wälder mit experimentellen Wäldern, in denen gezielt die Strukturvielfalt erhöht wurde.
Untersucht wurden insgesamt 234 Flächen in elf Waldgebieten in ganz Deutschland. Zu den Gebieten zählten unter anderem der Nationalpark Bayerischer Wald, der Universitätsforst der JMU und Wälder um Lübeck.
Das Ergebnis widerspricht klar der allgemeinen Erwartung: „Die Vielfalt der Mistkäfer nahm in den strukturreicheren Wäldern nicht zu. In den neu geschaffenen Lichtungen ging sie sogar signifikant zurück“, so Johanna Asch, Doktorandin am JMU-Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie und Erstautorin der Studie.
Dieses unerwartete Resultat zeigt, dass diese Käfer von der Strukturvielfalt nicht profitieren. Der Schlüssel zu ihrem Überleben liegt vielmehr im Mikroklima des Waldes.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: Warum Lichtungen Mistkäfern schaden
Mistkäfer sind weit mehr als nur unscheinbare Insekten. Sie fungieren als unbezahlte, fleißige Arbeitskräfte des Ökosystems Wald: Als „Gesundheitspolizei“ beseitigen sie den Kot von Wildtieren und hemmen damit die Ausbreitung von Parasiten. Als „Nährstoff-Recycler“ arbeiten sie den Dung in den Boden ein und machen Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar.
Der Hauptakteur in den untersuchten Wäldern ist der Waldmistkäfer Anoplotrupes stercorosus. Er macht in allen Regionen den größten Anteil der Biomasse aus, oft über 90 Prozent, und ist damit der wichtigste Dienstleister für die Kotbeseitigung. Die Studie zeigt, dass genau diese Schlüsselart, ein an kühle und feuchte Bedingungen angepasster großer Tunnelgräber, besonders leidet.
Der entscheidende Faktor ist das Klima. Geschlossene, dichte Wälder wirken wie ein Puffer gegen Temperaturextreme. Die Lichtungen heben diesen Schutzeffekt auf und führen zu höheren Temperaturen und stärkerer Austrocknung am Boden. Für den Waldmistkäfer, der als großes Insekt anfälliger für Wasserverlust ist, kann so eine doppelte Bedrohung entstehen: Die allgemeine Klimaerwärmung und die lokal erhöhten Temperaturen in den Lichtungen schaffen lebensfeindliche Bedingungen.
Die Folge: Mit steigender Temperatur nehmen sowohl seine Population als auch die Effizienz der Kotbeseitigung ab. Die immense Bedeutung der Insekten belegen die Forschenden mit Zahlen. Wurden die Käfer in kühleren Regionen vom Dung ferngehalten, verringerte sich dessen Abbau um 77 bis 91 Prozent.
Klimawandel bedroht die Müllabfuhr des Waldes
Die Forschungsergebnisse sind im Kontext des Klimawandels von hoher strategischer Bedeutung. Sie zeigen, dass Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität differenziert betrachtet werden müssen, da nicht alle Artengruppen gleichermaßen profitieren. Für die Mistkäfer ist dabei nicht ein Mangel an Nahrung das Problem; die Studie ergab, dass nicht die Kotverfügbarkeit, sondern das Klima ihre Populationen begrenzt.
Für die Praxis leitet sich daraus eine klare Handlungsempfehlung ab: „Auch wenn das Ziel einer höheren Strukturvielfalt richtig bleibt, ist es unerlässlich, gleichzeitig ausreichend große, geschlossene und damit kühlere Waldbestände zu erhalten“, betont Asch. Nur so können die für das Ökosystem zentralen Mistkäfergemeinschaften und ihre Leistungen geschützt werden.
Mit fortschreitendem Klimawandel und steigenden Temperaturen könnte sich der Waldmistkäfer in kältere Gebiete zurückziehen. So entsteht eine funktionale Lücke. Zukünftige Forschung muss nun beobachten, ob wärmeliebende Arten aus den Mittelmeerregionen einwandern und diese Lücke füllen können.
Letztlich unterstreicht die Studie, dass der Schutz von Ökosystemen ein tiefes Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse verschiedener Arten erfordert. Ein universeller Ansatz reicht nicht aus, um die komplexen Zusammenhänge in der Natur zu erhalten.
Originalpublikation
Dung beetles do not profit from enhanced spatial heterogeneity in temperate production forests: a forest manipulation experiment. Johanna Asch, Michael Scherer-Lorenzen, Kerstin Pierick, Clara Wild, Julia Rothacher, Jörg Müller, Orsi Decker, Simone Cesarz, Nico Daume, Jörn Buse, Marcell K. Peters. Journal of Applied Ecology, 15. Februar 2026, https://doi.org/10.1111/1365-2664.70288
Kontakt
Johanna Asch, Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie (Zoologie III), johanna.asch@uni-wuerzburg.de