Nachdem zunächst anhand von Zeitungsartikeln die Problemstellungen und die Argumentationsstrukturen besprochen worden waren, widmeten sich am Nachmittag verschiedene Kleingruppen der Lektüre von Textbeispielen. Neben Gedichten von Nelly Sachs und Friederike Mayröcker wurden auch Auszüge aus Texten von Ingeborg Bachmann, Theodor W. Adorno und Susan Sonntag diskutiert. Thema war immer wieder die aktuelle Diskussion um das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer: Nachdem die Alice-Salomon Hochschule (ASH) beschlossen hatte, das Gedicht an der Wand zu ersetzen, gab es eine lautstarke Diskussion in der Öffentlichkeit. Ist das Gedicht wirklich sexistisch, so die eine bei dem Workshop immer wieder gestellte Frage, reproduziert es durch die Dichotomisierung Geschlechterstereotype und vor allem: Ist es Zensur, es nun von der Wand zu entfernen? Prof. Dr. Rainer Fretschner von der ASH gab über den Verlauf der dortigen Diskussion Auskunft, stellte Beschluss und spätere mediale Resonanz behutsam und differenziert dar und zog das bittere Resümee: „Es gibt in der Debatte keine Gewinner.“
Die engagierte Diskussion zwischen den interessierten Besuchern und den Wissenschaftlerinnen machte klar, dass die oft sehr heftige Kritik die Kraft der Sprache des Gedichts nahezu stillgelegt hat und dass die verschiedenen möglichen Lesarten von den Kritikern nicht hinreichend reflektiert wurden. Damit bewies die Veranstaltung, wie fruchtbar es sein kann, wenn sich Wissenschaftler differenziert und unaufgeregt zu aktuellen gesellschaftlichen Themen äußern und mit diesem Ansatz in die Öffentlichkeit treten.
Nach dem erfolgreichen Auftakt soll die Diskussion mit den Bürgern der Stadt weitergehen, zunächst am 7. Juli 2018 bei der Veranstaltung „TEXT TON AGITATION - Punk macht mich genauso an wie ein schöner Gustav Mahler“, die ab 17 Uhr im Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf stattfindet.
