Welche Folgen hat es für unsere Demokratie, wenn Parteien verstärkt über soziale Medien und Apps kommunizieren und Unterstützer mobilisieren? Diese Frage werfen Geographen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in einer jüngst veröffentlichten Studie auf.
Digitaler Wandel erreicht die Parteizentralen
Mit dem Begriff „Plattformisierung“ übertragen die Forschenden einen analytischen Ansatz auf den Wandel der politischen Arbeit: Während für Parteien und weitere politische Gruppierungen früher persönliche Begegnungen im Mittelpunkt standen, zum Beispiel in Ortsvereinen oder an Infoständen, setzen sie heute verstärkt auf Online-Plattformen und digitale Strategien. So mobilisieren sie ihre Anhängerinnen und Anhänger heute direkt über eigene Apps oder Online-Kanäle.
„Unsere Studie zeigt: Digitale Plattformen verändern, wie politische Akteure entstehen und sich organisieren“, erklärt Matthias Naumann vom Lehrstuhl für Humangeographie der Universität Würzburg, einer der Autoren der Studien. „Politische Gruppierungen und Parteien nutzen immer stärker soziale Netzwerke, um Unterstützerinnen und Unterstützer zu erreichen und Wahlkämpfe zu organisieren.“
Für ihre Analyse untersuchten die Forschenden die politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wahlereignissen der Jahre 2024 und 2025: der Europawahl, der Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg sowie der Bundestagswahl.
Digitale Strategien wirken regional unterschiedlich
Eine weitere Erkenntnis: Die Digitalisierung der Parteiarbeit verläuft nicht überall gleich. Je nach Kontext – z.B. Land-Stadt – unterscheidet sich die Bedeutung, die digitalen Plattformen neben anderen Kommunikationskanälen zukommt.
Wie Parteien digitalen Plattformen nutzen, hängt zudem stark von ihrer strategischen Ausrichtung ab. Die Autoren zeigen das anhand der Wahlforschung zu den ostdeutschen Landtagswahlen 2024, bei denen sich die Investitionen in Online-Werbung und der erzielte strategische Erfolg stark unterschieden haben. Der Beitrag zeigt so, dass sich die Geographie auch jenseits der Alternative für Deutschland (AfD) stärker mit der Bedeutung von digitalen Plattformen für Parteien beschäftigen muss.
Andere Parteien verfolgen einen hybriden Ansatz. So nutzt etwa Die Linke digitale Anwendungen, um den klassischen Haustürwahlkampf zu organisieren: Freiwillige werden per App koordiniert und gezielt in bestimmten Wohngebieten eingesetzt, um persönliche Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern zu führen.
Ausblick: Wie sich digitale Parteistrukturen weiterentwickeln
In kommenden Studien wollen die Forschenden nun noch genauer untersuchen, wie sich digitale Plattformen in unterschiedlichen Regionen entwickeln. Im Fokus steht dabei, wie stabil neue digitale Parteistrukturen langfristig sind und welche Folgen sie für politische Dynamiken in Deutschland haben.
Originalpublikation
Towards a platformization of politics? Fragmentation, digitalization, and new geographies of the political party. Yannick Ecker and Matthias Naumann. April 2026. Environment and Planning C: Politics and Space. DOI: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/23996544261443900
Kontakt
Prof. Dr. Matthias Naumann, Leiter des Lehrstuhls für Humangeographie, Tel. +49 931 31-83237, matthias.naumann@uni-wuerzburg.de
