Text und Performanz

Der Lehrstuhl für Neuere Englische Literatur (Anglistik IV) bietet dieses Wintersemester ein aus QVM Fachmitteln gefördertes, projektorientiertes Lehrmodul im Masterstudiengang Comparative Studies an, das auch von internationalen Studierenden aus drei Ländern besucht wird. Entgegen der in den Literaturwissenschaften üblichen Konzentration auf den Dramentext legt das Modul den Schwerpunkt auf den eigentlichen Zweck jeder dramatischen Textvorlage: die Realisation auf der Bühne. Unter anderem wurde hierbei das Stück eines des bis heute wohl bekanntesten Dramatikers in den Seminaren besprochen, in unterschiedlichen Produktionen auf deutschen Bühnen besucht und in gemeinsamer Diskussion beider Seminargruppen abschließend analysiert: Samuel Becketts Endgame (Endspiel).
Neben translations-wissenschaftlichen Perspektiven auf die Übersetzung des Textes in die Aufführung sowie vom englischen Autorentext in die deutschsprachige Bühnenfassung liegt der Fokus auch auf literaturtheoretisch zentralen Konzepten von Performanz, Theatralität und Inszenierung.
Das Highlight zur Mitte des Semesters für alle Modulbeteiligten war der Workshop am 5.12.2018 mit Bruno Cathomas, dem Darsteller des Clov in der aktuellen Inszenierung von Becketts Endspiel am Schauspiel Köln.
Der Workshop gewährte spannende Einblicke in die Schauspieltheorie wie auch in die schauspielerische Arbeit und bot zudem eine faszinierende Momentaufnahme eines Produktionsprozesses. Cathomas ließ die Studierenden an der schrittweisen Erarbeitung eines Dramentextes teilhaben: vom ersten Lesen (das hier von einem Studierenden übernommen wurde) über die langsame, virtuose Entwicklung einer Figur bis hin zur bühnenreifen Darbietung eines Monologs.So konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops unterschiedliche Arten der Verkörperung einer Figur aus Sicht eines Schauspielers und im Kontext der gemeinsam erlebten Endspiel-Produktion erfahren. Zum einen wurde Becketts Verortung in der Brecht’schen Tradition über die beinah körperlich spürbare Trennung zwischen Schauspieler und Figur aufgezeigt; konträr hierzu wurde zum anderen erarbeitet, wie wichtig die Entwicklung einer Kette von Motiven ist, um einen funktionalen Zusammenhang einzelner Handlungen auf dem Weg zur Fusion von Figur und Schauspieler zu erzielen.
Letztere Vorgehensweise wurde von Cathomas‘ demonstriert: Unvermittelt, innerhalb weniger hochkonzentrierter Sekunden stand plötzlich der geschundene Diener Clov aus Endspiel leibhaftig vor der Gruppe – affektiv derart überzeugend und mitreißend, dass Empathie und Betroffenheit für die Figur im Raum greifbar wurden. Gerade diese Erfahrung klang lebhaft in den Studierendenkommentaren nach und gab Anlass für tiefergehende Überlegungen auch über den engeren fachwissenschaftlichen Bereich hinaus.
Neben diesen überwältigenden Einblicken in die Erschaffung einer „lebendigen“ (Bühnen-)Figur, wurde die unterschiedliche Herangehensweise an einen dramatischen Text aus theater- wie literaturwissenschaftlichen Perspektiven thematisiert. Die offenen und authentischen Ausführungen von Bruno Cathomas zu Überlegungen und Entscheidungsfindung im Produktionsprozess boten nicht nur neue und tiefere Blickwinkel auf Becketts Endspiel, sie offenbarten auch einen direkten Einblick in die Fremdwahrnehmung der Literaturwissenschaften außerhalb des universitären Kontexts. Cathomas‘ herausragendes Interesse an und seine Begeisterung für Literatur in allen ihren (medialen) Erscheinungsformen bildete eine außerordentlich fruchtbare Basis für die gemeinsame Arbeit. So wurde trotz des Unterschieds der medialen Körperlichkeit des Theaters und der imaginären literarischen Charaktere die zentrale Betrachtung von subjektiven Identitätskonstruktionen in Kommunikationsprozessen deutlich.
Insgesamt bot der Workshop die Möglichkeit, den Prozess der schauspielerischen Umsetzung als eigenständige ästhetische Kategorie zu reflektieren. Umgekehrt wurde die grundlegende Koppelung literarischer Texte an die nicht-fiktionale Lebenswelt und ihre Einbettung in vielfältige Aspekte menschlichen Fühlens und Handelns spürbar. Auch wenn in der medialen Körperlichkeit des Theaters eine fundamentale Differenz besteht, eröffnet gerade sie spannende Blickwinkel.
In dieser Weise produktiv mit der Mediendifferenz zwischen Theater und Literatur umzugehen, eröffnet interdisziplinäre Perspektiven nicht nur für die literatur- und theaterwissenschaftliche Forschung, sondern darüber hinaus auch für (berufs-)praktische Anwendungsmöglichkeiten der Neueren Englischen Literaturwissenschaft. Diese Erkenntnis aus dem Workshop ist vielversprechend genug, um den Austausch zwischen der Neueren Anglistik und Vertretern der Theaterpraxis auch in Zukunft unbedingt weiter zu verfolgen.