Ein Phänomen zieht sich durch nahezu alle Kulturen und Epochen: Immer wieder verehren Menschen einen Messias – eine Person, die als Heilsbringer und gottgesandter Retter wahrgenommen wird. Dabei kann die messianische Rolle religiös, politisch oder kulturell besetzt sein.
Das vorläufig jüngste Beispiel dürfte der US-amerikanische Präsident Donald Trump sein. Seine Inszenierung als Messias mobilisierte bereits bei seiner ersten Wahl weite Wählerkreise. Im zweiten Wahlkampf wurde sie durch das gescheiterte Attentat im Juli 2024 zusätzlich befeuert.
Mit messianischen Figuren und Diskursen der Menschheitsgeschichte befasst sich das Käte Hamburger Kolleg, das zum 1. April 2026 an der Universität Würzburg eingerichtet wird. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert es für die ersten vier Jahre mit rund 7,7 Millionen Euro.
Die Gesellschaft aufklären und sensibilisieren
Das Kolleg erforscht, unter welchen Bedingungen messianische Konzepte und Figuren ihre Wirkungen entfalten. Mit seiner Arbeit will es auch in die Gesellschaft hineinwirken, denn Erlösungslehren können zwar Gemeinschaften stiften, aber auch Demokratien gefährden: Sie haben das Potenzial, egalitäre und totalitäre Tendenzen zu begünstigen.
Darum will das Kolleg in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen Initiativen der politischen Aufklärung und Sensibilisierung anstoßen. Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und Erwachsene sollen lernen, messianische Phänomene und ihre Wirkungsweisen zu erkennen und sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Auf dieser Ebene möchte das Projekt forschungsbasierte Beiträge zur Demokratieförderung leisten
Kolleg lädt Fachleute aus aller Welt ein
Geleitet wird das Kolleg von Professorin Barbara Schmitz und Professor Christian Wehr.
Barbara Schmitz hat den Lehrstuhl für Altes Testament und biblische-orientalische Sprachen inne. Sie erforscht messianische Konzepte und Herrschaftsstrukturen in der Geschichte des Judentums von der Antike bis zur Gegenwart.
Christian Wehr, Inhaber des Lehrstuhls für spanische und französische Literaturwissenschaft, arbeitete bereits an einem Opus-Magnum-Projekt der Volkswagenstiftung zum Messianismus in Lateinamerika von der Kolonialzeit bis heute.
Dem Konzept der Käte Hamburger Kollegs folgend, werden die beiden jedes Jahr zehn herausragende Forschende aus aller Welt nach Würzburg einladen, um mit ihnen das Thema Messianismus gemeinsam weiter zu vertiefen. Die Fellows werden so ausgewählt, dass sie die Würzburger Expertise ideal ergänzen, und zwar um den Bereich der außereuropäischen Kulturen, insbesondere im globalen Süden. Besonders berücksichtigt werden der Maghreb, Subsahara-Afrika, Indien und die islamischen Kulturräume.
Dabei ist auch geplant, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Würzburg in die Studien einzubinden. Zudem sollen die Fellows in die Lehre integriert werden, um Kontakte zu den Studierenden zu schaffen.
Beleg für Exzellenz der Geisteswissenschaften
JMU-Präsident Paul Pauli freut sich über das neue Kolleg: „Meinen Glückwunsch zu dieser erfolgreichen Initiative an Barbara Schmitz und Christian Wehr! Dass es an der JMU nun ein Käte Hamburger Kolleg gibt, spricht für die Exzellenz der Geisteswissenschaften an unserer Universität. Dieses neue Projekt sowie unsere schon bestehenden renommierten und langfristig angelegten Akademienprogramme sind internationale Aushängeschilder unserer Universität.“
Die Leitungspersonen zum Käte Hamburger Kolleg
Barbara Schmitz: „Uns ist es ein Anliegen, gerade die Funktionalisierung von messianischen Narrativen transhistorisch und transkulturell zu untersuchen und vergleichen zu können – nicht zuletzt auch, um die gegenwärtigen politischen Inanspruchnahmen von messianischen Narrativen in ihren Nuancierungen differenzierter zu verstehen.“
Christian Wehr: „Messianische Diskurse greifen immer wieder dieselben Erzählungen und Bilder auf. Zugleich können sie sich den unterschiedlichsten historischen und kulturellen Situationen anpassen. Diese Rekurrenz ist ein wesentlicher Faktor ihrer ungebrochenen Wirkungsmacht. Sie bietet den Text- und Bildwissenschaften die große Chance, ihre analytischen Instrumente auch in Bereichen anzuwenden, die außerhalb ihrer ursprünglichen Domänen liegen: Politik, Gesellschaft und Religion. Für die geisteswissenschaftliche Theoriebildung versprechen wir uns davon einen maßgeblichen Legitimations- und Prestigegewinn.“
Über die Käte Hamburger Kollegs
Mit den Käte Hamburger Kollegs bietet das BMFTR herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seit 2008 Freiräume für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungen auf Weltniveau. Es handelt sich um die wichtigste Förderlinie des Bundesministeriums für diese beiden Wissenschaftsbereiche. Das Format wurde 2017 als exzellent evaluiert. Benannt ist es nach der deutschen Germanistin, Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Käte Hamburger (1896-1992).
