Jürgen Hünten ist als Olympiapfarrer in Südkorea

„Beten für den eigenen Sieg?“ Nein, so möchte Hünten das nicht verstanden wissen. „Eher beten dafür, dass Gott bei den Sportlern ist, dass alles gut geht, alle unverletzt bleiben.“ Schnell ein Kreuzzeichen vor dem Start schlagen, das ist nicht seins, auch wenn er niemanden wegen seiner Rituale verdammen möchte. Er will vielmehr da sein, wenn jemand Gesprächsbedarf hat, sei es nach einem Sieg oder nach der Niederlage.
„Ich bin Bestandteil der deutschen Mannschaft und doch auch nicht Bestandteil“, sagt Hochschulpfarrer Jürgen Hünten über seine neue Tätigkeit, die ihm nicht ganz unbekannt ist: der 51-jährige war schon bei den letzten beiden Universiaden, den Weltsportspielen der Studierenden, Begleiter der deutschen Teams. Durch seine langjährige Tätigkeit als Hochschulpfarrer ist er den Kontakt mit jungen Menschen gewohnt, kennt viele Sorgen und Probleme, weiß, was für sie auf dem Spiel steht. „Gerade Sportler stehen oft unter einem immensen Druck und haben ihren ganzen Lebensentwurf auf den Sport ausgerichtet“, hat er immer wieder erfahren. „Und wenn dann eine Verletzung die Karriere beendet, dann stehen sie oft vor den ganz großen Lebensentscheidungen.“
Gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen Thomas Weber betreut Hünten während der Olympischen Spiele in Pyeongchang das deutsche Team, bietet Gottesdienste und gemeinsame Gebete an und begleitet die Sportler auch vor Ort im Stadion. Er macht sich keine Illusionen über die Bedeutung von Glaube und Ritualen während der Olympischen Spiele „es ist klar, dass ein Gottesdienst zunächst einmal in das sehr enge Zeitraster der Sportler passen muss.“ Sein Angebot richtet sich stets an die, die im Gebet zur Ruhe kommen wollen, die Gespräche über Sieg und Niederlage führen möchten und jemanden brauchen, mit dem sie über den hohen Druck während der Wettkämpfe sprechen können: „Wenn ich nicht mit mir im Reinen bin, kann ich keine Höchstleistungen bringen“, so die Überzeugung Hüntens. Dabei hat er immer wieder festgestellt wie wichtig es ist, „einfach da zu sein. Wir sind bei Mannschaftssitzungen dabei, gehen durch das Olympische Dorf, schauen bei den Wettkämpfen zu und bieten dann ein Gespräch oder Unterstützung an, wenn es gefragt ist. Seelsorge lässt sich nicht geplant abrufen, sondern muss dann zur Verfügung stehen, wenn sie gerade gebraucht wird.“ Dabei geht es oft um Glauben, aber eben nicht immer: „Bei den Universiaden habe ich immer wieder festgestellt, dass viele Sportler, gerade aus den neuen Bundesländern, noch nie mit Kirche in Berührung gekommen sind“, berichtet er. „Die stellen dann oft ganz einfache praktische Fragen oder gehen direkt zum Kern und fragen ‚Warum soll ich glauben, was bringt mir das?‘.“
Spannend neben all dem Sport ist für Hünten auch die Begegnung mit den Menschen in Korea. Er und sein evangelischer Kollege wohnen nicht im Olympischen Dorf, konnten aber durch Vermittlung der katholischen Paulusschwestern eine private Unterkunft in der Nähe finden. Auch die anderen großen Religionen schicken Begleiter mit ihren Nationalmannschaften, Hünten weiß sowohl von buddhistischen als auch von jüdischen Seelsorgern, die die jeweiligen Teams betreuen.
Mit seiner Tätigkeit als Olympiapfarrer setzt Hünten auch eine konkrete Aufforderung von Papst Franziskus um, der seine Kirche anregt, an die Peripherie zu gehen und nicht im ‚inner circle‘ zu bleiben: „Hier ist eine neue Schnittmenge zwischen Kirche und Gesellschaft, an der wir präsent sein sollten.“