Isoliert unter Extrembedingungen: Risiken für die Teamdynamik

Mit der Mondumrundung ist die Menschheit Anfang April 2026 einen weiteren Schritt in Richtung langfristiger Weltraummissionen gegangen. Während technische Hürden zunehmend überwunden werden, zeichnet sich eine weitere Herausforderung ab: das langfristige Zusammenleben von Menschen unter extremen Bedingungen.
Obwohl gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und der Teamzusammenhalt für den Missionserfolg entscheidend sind, fehlen bislang Langzeitdaten zur Entwicklung sozialer Interaktionen und zum Funktionieren von Teams in einer längeren Isolation.
Das ändert sich nun: Professor Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW), hat mit einem Team aus den Universitäten Bern, Zürich, Turin, Lissabon, Madrid und Melbourne analysiert, wie sich Isolation und Enge auf eine Crew auswirken. Die Ergebnisse sind im Journal PNAS publiziert.
Monatelang von der Außenwelt abgeschnitten
Zehn Monate lang haben die Forschenden zwölf Mitglieder des Überwinterungsteams der Forschungsstation Concordia in der Antarktis begleitet – mit tragbaren Näherungssensoren und wiederholten Befragungen.
Im antarktischen Winter, der von Mitte Februar bis Mitte November dauert, ist die Forschungsstation vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. „Ihre extreme Abgeschiedenheit ist sogar größer als die der Internationalen Raumstation ISS“, erläutert Sebastian Walther. „Das erfordert eine außergewöhnliche Vorbereitung auf Selbstversorgung in Notfällen und stellt eine erhebliche Belastung für die dort arbeitenden Teams dar.“
Für Aktivitäten im Freien müssen die Crewmitglieder schwere Schutzanzüge tragen und den extremen Bedingungen – bis zu minus 80 Grad auf einer Höhe von 3.200 Metern – trotzen. „Die lebensfeindlichen äußeren Bedingungen, die Abhängigkeit von Technologie zur Lebenserhaltung, begrenzte Rettungsmöglichkeiten und Kommunikationsverzögerungen sowie die räumliche Enge und die Arbeit in kleinen, isolierten multikulturellen Teams sind zentrale Merkmale, die ein Überwinterungsteam der Concordia-Station mit einer Langzeit-Weltraummission teilt“, so Walther.
Misstrauen, Einsamkeit und Teamdynamik
Bisherige Untersuchungen zu Überwinterungsteams in der Antarktis konzentrierten sich auf individuelle Faktoren wie Stimmung und Schlaf. Dabei zeigte sich eine konsistente Verschlechterung dieser Werte im Verlauf der Missionen.
Walther und sein Team konzentrierten sich nun auf soziale Interaktionen, Misstrauen, Einsamkeit und Teamdynamik. Da eine extreme Isolation die Wahrnehmung von Häufigkeit und Qualität sozialer Interaktionen und Teamprozessen verzerren kann, kamen tragbare Proximity-Sensoren zum Einsatz. Mit ihnen konnten alle näheren Interaktionen der Teammitglieder untereinander zuverlässig erfasst werden: Wer trifft wen, wie oft und wie lange? So entstand ein Bild vom Netzwerk der sozialen Kontakte im Team.
Paranoide Tendenzen erkannt
Zusätzlich gaben Selbstauskünfte der Teammitglieder Einblicke in subjektive Erfahrungen. Die Teilnehmenden berichteten beispielsweise bereits zur Mitte der Mission von erhöhtem Misstrauen, obwohl sie zuvor strenge Auswahlverfahren durchlaufen hatten. Nach einigen Monaten glaubten sie, dass andere über sie sprechen oder sie beobachten.
„Diese paranoiden Tendenzen und das Misstrauen verdeutlichen, dass selbst psychisch robuste Personen unter extremen Bedingungen eine verzerrte soziale Wahrnehmung entwickeln können“, kommentiert Sebastian Walther. Diese psychologischen Dynamiken, welche die Funktionsfähigkeit von Teams in Langzeitmissionen beeinflussen können, wurden bislang wenig beachtet.
„Aus Untersuchungen mit Menschen mit manifestem paranoidem Erleben wissen wir, dass Nähe als besonders belastend und stressig empfunden wird“, sagt Walther und verweist auf zwei Studien, die er dazu publiziert hat. Bislang wurde angenommen, dass Schlafstörungen und ein negatives Selbstkonzept besonders gefährlich für das Entstehen von paranoidem Erleben sind. Die aktuelle Studie zeige jedoch, so Walther, dass auch Isolation unter Extrembedingungen zu deutlichen paranoiden Symptomen führen könne.
Menschliche Nähe wird zur Belastung
Die Ergebnisse zeigen neben einem Anstieg paranoider Gedanken auch stärkere Einsamkeit sowie eine Zunahme von Konflikten, während der Teamzusammenhalt und die individuell wahrgenommene Leistungsfähigkeit abnahmen.
Interessanterweise nahmen die durch die Sensoren erfassten zwischenmenschlichen Interaktionen im Zeitverlauf zu, ohne jedoch mit verbessertem Wohlbefinden oder einer gesteigerten Teamdynamik einherzugehen. Im Gegenteil: Häufigere Kontakte führten teilweise sogar zu mehr Konflikten und einer größeren psychischen Belastung.
Die Studie deutet somit darauf hin, dass nicht nur Isolation, sondern auch enge räumliche Begrenzung beziehungsweise dauerhafte räumliche Nähe eine zentrale Belastung darstellen und zwischenmenschliche Spannungen auslösen können.
Gruppenbildung in multikulturellen Teams
Zudem bildeten sich im Concordia-Team, das aus Menschen italienischer und französischer Nationalität sowie einer Person aus einem weiteren Mitgliedsstaat der European Space Agency (ESA) bestand, Untergruppen entlang von Sprache und Nationalität.
Dieses Muster entspricht dem Prinzip der Homophilie: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Es zeigt hier, dass Menschen unter Unsicherheit dazu neigen, sich stärker mit ähnlichen Gruppen zu identifizieren. Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass sich die Gruppengrenzen mit zunehmender Erschöpfung verstärkt haben, und weisen auf das Risiko einer sozialen Fragmentierung und Polarisierung in internationalen Missionen hin.
Für zukünftige Langzeitmissionen, etwa zum Mars, könnten solche Dynamiken von entscheidender Bedeutung sein: „Erfolg im All hängt nicht nur von der Technik ab, sondern auch davon, wie gut Menschen unter extremen Bedingungen zusammenarbeiten“, sagt Sebastian Walther.
Tragbare Sensoren haben sich bewährt
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass tragbare Sensoren – in der Studie kamen SocioPatterns-Sensoren zum Einsatz – ein vielversprechendes Instrument sind, um Team-Interaktionen in sogenannten ICE-Umgebungen (ICE ist abgeleitet von den englischen Begriffen „isolated, confined, extreme“) kontinuierlich und unaufdringlich zu erfassen und potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen.
Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Raumfahrt relevant: Sie könnten auch in anderen extremen Arbeitsumgebungen wie in U-Booten, auf Offshore-Plattformen oder in abgelegenen Forschungs- und Militärstationen helfen, Teams stabiler und widerstandsfähiger zu machen.
Information zur Concordia-Station Die Forschungsstation befindet sich auf einem ostantarktischen Plateau und wird gemeinsam vom französischen Polarinstitut IPEV und dem italienischen Antarktisprogramm PNRA betrieben. Sie wurde 2004 als Forschungszentrum für verschiedene Disziplinen wie Glaziologie, Atmosphärenwissenschaften, Astronomie, Astrophysik, Geowissenschaften und Technologie gegründet. Sie liegt auf 3.200 Meter Höhe, der Sauerstoffgehalt der Luft ist reduziert. Die Umweltbedingungen gehören zu den extremsten auf der Erde: Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt minus 51 Grad Celsius, die Extremwerte erreichen bis zu minus 80 Grad. Die Concordia liegt 950 Kilometer von der nächsten Küste, 1.670 Kilometer vom Südpol und 560 Kilometer von der nächsten Station entfernt.
Publikation
Social interactions in isolated, confined, and extreme environments: A study of Antarctic winter teams using wearable sensors. PNAS, 26. Mai 2026, https://doi.org/10.1073/pnas.2533420123