Etwa jeder Vierte leidet irgendwann in seinem Leben an einer Angsterkrankung. Dazu zählen
- die Panik-Erkrankung mit plötzlich auftretenden, heftigen Angstanfällen,
- die generalisierte Angsterkrankung, bei der die Betroffenen sich über einen längeren Zeitraum schwer kontrollierbare Sorgen über alltägliche Dinge machen, und
- Phobien vor konkreten Objekten oder Situationen.
Trotz der weiten Verbreitung sind die biologischen Grundlagen von Angstzuständen nach wie vor kaum verstanden.
Mehr Licht ins Dunkel bringt nun ein internationales Forschungsteam, das die bislang größte genetische Studie über Angsterkrankungen durchgeführt hat. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht; die Universitätsmedizin Würzburg hat maßgeblich daran mitgewirkt.
Viele genetische Varianten spielen eine Rolle
Die Studie zeigt: Angsterkrankungen werden nicht durch ein einzelnes „Angstgen“ verursacht. Stattdessen sind es 58 genetische Varianten im gesamten Erbgut, von denen jede einen kleinen Beitrag zur Erkrankung leistet. Dieses Muster ist auch von Depression und anderen komplexen psychischen Erkrankungen bekannt.
Die Forschenden fanden starke genetische Überschneidungen zwischen Angsterkrankungen und verwandten Erkrankungen und Merkmalen wie Depressionen, Neurotizismus, posttraumatischer Belastungsstörung und Suizidversuchen. Das kann ein Grund dafür sein, warum diese Erkrankungen häufig gemeinsam auftreten.
Professorin Thalia Eley vom King’s College London: „In einer Zeit, in der Angstzustände bei jungen Menschen rapide zunehmen, ist es von entscheidender Bedeutung, unser Verständnis dafür zu vertiefen, was Menschen biologisch anfällig macht. Ich hoffe, dass Daten wie diese mit der Zeit dazu beitragen können, besonders anfällige Personen zu identifizieren, um frühzeitig eingreifen zu können.“
Hinweise auf bislang unbekannte Signalwege
An Angsterkrankungen beteiligt sind der Studie zufolge Gene, die an der sogenannten GABAergen Signalübertragung mitwirken. Das ist ein wichtiges System, das die Gehirnaktivität reguliert. Das Molekül GABA ist bereits Zielstoff mehrerer Medikamente gegen Angstzustände.
Die Ergebnisse sprechen nicht für den Einsatz von Gentests zur Diagnose von Angstzuständen. Aber die Identifizierung spezifischer Gene und biologischer Signalwege, die zu psychischen Problemen beitragen, könnte helfen, besser zu verstehen, wie Angstzustände entstehen. Letztendlich können sich daraus neue Behandlungsmethoden oder die Verbesserung bestehender Therapien ergeben.
Professor Jürgen Deckert von der Universitätsmedizin Würzburg: „Die Ergebnisse liefern Hinweise auf die Rolle einer Reihe bisher unbekannter molekularer Signalwege in der Ätiologie von Angstzuständen, die über den GABAergen Signalweg hinausgehen. Sie bilden die Grundlage für zukünftige Studien in Zellkulturen, Tiermodellen und am Menschen, die zu einem besseren Verständnis der Neurobiologie von Angstzuständen und damit zu innovativen und individualisierten Therapien beitragen werden.“
Fakten zur Studie
Grundlage der Studie bildeten genetische Daten aus 36 unabhängigen Stichproben mit mehr als 120.000 Menschen, bei denen eine Angsterkrankung diagnostiziert wurde, und fast 730.000 Menschen ohne Angsterkrankungen.
Durchgeführt wurde die Studie von einem internationalen Team unter der Leitung von Forschenden der Texas A&M University (USA), der Dalhousie University (Kanada), des King's College (UK), dem Universitätsklinikum Würzburg und der Universität Würzburg.
Exzellente Angst-Forschung in Würzburg
Angestoßen wurde das Projekt 2017 von der Universitätsmedizin Würzburg. Hier besteht seit 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt zu Furcht, Angst und Angsterkrankungen. Gefördert wurde er von 2006 bis 2020 vom Bundesforschungsministerium im Rahmen der Psychotherapienetze sowie von 2008 bis 2020 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereiches TRR 58.
Nachfolgeprojekte werden bis heute unterstützt. Darin erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Humanmedizin (Psychiatrie und Neurobiologie) und Humanwissenschaften (Psychologie) die Ursachen und neue Therapien von Angsterkrankungen.
Universitätspräsident Paul Pauli, Professor für Psychologie, war von 2016 bis 2020 Standortsprecher des Sonderforschungsbereichs: „Die Forschung zu Angsterkrankungen ist ein Leuchtturm am Universitätsklinikum und an der Universität. Sie zeigt beispielhaft, wie hier in vielen Bereichen interdisziplinäre Zusammenarbeit regional, national und international gelebt wird und zu Exzellenz führt.“
Publikation
Strom, N.I., Verhulst, B., Bacanu, SA. et al. Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nature Genetics, 3. Februar 2026, DOI 10.1038/s41588-025-02485-8
