Fachverbände fordern strikte Altersgrenzen für digitale Medien

Über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche wird in Deutschland aktuell breit diskutiert. Dazu liegt nun eine aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme vor, an der Professorin Andrea Reiter seit Sommer 2025 als Teil einer Ad-hoc-Experten-Arbeitsgruppe mitgewirkt hat. Andrea Reiter leitet an der Universität Würzburg die Professur für Psychotherapie und Interventionspsychologie.
Die Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) hat die Stellungnahme erarbeitet. Weitere führende Fachgesellschaften und Verbände aus Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie haben sie mit unterzeichnet. Die Stellungnahme basiert auf aktuellen Studien, internationalen Empfehlungen sowie neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen.
Forschende sehen Chancen, aber auch erhebliche Risiken
Das Papier zeigt: Trotz großer Chancen der Digitalisierung bergen viele digitale Angebote erhebliche Risiken für die psychische, soziale und körperliche Entwicklung junger Menschen. Besonders betroffen sind Kleinkinder, Kinder im Vorschulalter und Schülerinnen und Schüler bis 14 Jahre.
Die Fachverbände fordern deshalb klare Altersgrenzen für Smartphones, Social Media und KI-Chatbots, ein Verbot manipulativer Designmechanismen, verbindliche Medienkonzepte in Kitas und Schulen sowie eine deutlich stärkere Verantwortung der Anbieter digitaler Dienste.
Sie fordern außerdem die Finanzierung weiterer Forschung: „Gerade bei Kindern ist die Studienlage bislang noch begrenzt“, sagt Professorin Andrea Reiter. „Wir können bislang zwar mögliche Zusammenhänge beschreiben, aber keine kausalen Aussagen treffen.“
Frühe Kindheit (0–5 Jahre): „Bildschirmfrei ist gesund“
Für Säuglinge und Kleinkinder empfehlen die Fachgesellschaften eine weitgehende Bildschirmabstinenz – Ausnahmen sind zum Beispiel Videotelefonate mit Verwandten oder digitale Bilderrahmen.
Hintergrund für diese Empfehlung sind Studien, denen zufolge eine frühe Bildschirmnutzung zusammenhängen kann mit:

  • Störungen des Schlafs,
  • verzögerter Sprachentwicklung,
  • beeinträchtigter Aufmerksamkeitsentwicklung,
  • und einer Schwächung der Eltern-Kind-Interaktion.

Künftig sollten alle Bildschirmgeräte einen Hinweis tragen:
„Nicht geeignet für Kinder von 0–3 Jahren – die Bundesgesundheitsministerin empfiehlt: Dieser Bildschirm schadet der Entwicklung Ihres Säuglings und Kleinkindes.“
Kitas sollen bundesweit einheitliche Standards erhalten: keine Bildschirme für 0–3-Jährige, und nur begleitete, reflektierte Mediennutzung für 4–5-Jährige.
Smartphone und Social Media erst ab 14
Kinder erhalten in Deutschland immer früher ein eigenes Smartphone. Neuere Studien, die in der aktuellen Stellungnahme aufgegriffen werden, zeigen jedoch, dass ein früher Smartphone-Besitz mit höheren Risiken für Depressionen, Schlafprobleme und Übergewicht im Jugendalter einhergeht.
Die Fachgesellschaften fordern daher:

  • Kein Smartphone vor 14 Jahren
  • Keine Nutzung algorithmischer Sozialer Medien vor 14 Jahren (TikTok, Instagram, Snapchat etc.)
  • Begrenzte, begleitete Messenger-Nutzung
  • Kein Zugang zu KI-Chatbots vor 14 Jahren

Digitale Spiele sollen nur mit wirksamer Altersverifikation und ohne Kontaktmöglichkeiten zu Fremden erlaubt sein.
Zugleich wird eine Rückbesinnung auf analoge Freizeitaktivitäten gefordert – auch weil viele Kinder inzwischen weniger Zeit draußen verbringen und seltener lesen.
14–18 Jahre: Stärkerer Schutz vor Sucht, Manipulation und Missbrauch
Die Stellungnahme dokumentiert auch Zusammenhänge zwischen problematischer Mediennutzung und

  • Angststörungen
  • depressiven Symptomen
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen
  • verminderter Schulleistung
  • vermehrtem Cybermobbing
  • erhöhtem Risiko für Verhaltenssüchte (Gaming, Social Media, Online-Shopping)

Besonders stark kritisieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler manipulative Designmechanismen („Dark Patterns“) wie Lootboxen (digitale Überraschungspakete in Videospielen), Endlos-Scrollen oder personalisierte Werbung. Diese sollen für Minderjährige verboten werden.
Für Schulen gilt laut der Empfehlung: Keine privaten Smartphones im Schulalltag. Stattdessen sollen pädagogisch verwaltete Geräte genutzt werden.
Forderungen an Politik und Plattformbetreiber
Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften fordern unter anderem:

  • Verbindliche Altersgrenzen für Gerätebesitz, Social Media, KI-Chatbots und Online-Games
  • Strenge Altersverifikation nach EU‑DSA
  • Verbot personalisierter Werbung an Minderjährige
  • Verbot manipulativer Designmechanismen
  • Schulische Medienkompetenz ab Klasse 1 – bundeslandübergreifend einheitlich
  • Forschungsförderung und regelmäßiges nationales Monitoring
  • Förderung der Medienkompetenz bei Eltern, die sich bislang oft wenig unterstützt fühlen

Download
Wissenschaftliche Stellungnahme "Nutzung digitaler Medien und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen" (pdf)