Professorin Sabine Pfeiffer ist bereits seit 2023 Mitglied des Direktoriums und folgt im Vorsitz auf Professor Alexander Pretschner, der die Entwicklung des bidt über viele Jahre maßgeblich geprägt hat und dem Gremium weiterhin angehört. Sabine Pfeiffer ist Arbeitssoziologin und Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik, Arbeit und Gesellschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). In ihrer Forschung beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation sowie mit der digitalen Transformation der Arbeitswelt.
Im Interview spricht Pfeiffer darüber, was sie an der neuen Aufgabe reizt, warum sie den Themenbereich Arbeit und Wirtschaft am bidt stärker sichtbar machen möchte und welche Erfahrungen ihren Blick auf digitale Transformation geprägt haben. Außerdem erklärt sie, weshalb KI zwar vieles verändert, menschliche Urteilskraft, Fachwissen und Verantwortung aber gerade deshalb umso wichtiger bleiben.
Welche Überlegungen haben für Sie den Ausschlag gegeben, den Vorsitz des Direktoriums zu übernehmen?
Mich reizt diese spannende Aufgabe sehr. Schon die Idee, dass Bayern ein Institut wie das bidt trägt, finde ich ausgesprochen überzeugend: ein interdisziplinäres Forschungsinstitut, das digitale Transformation nicht nur wissenschaftlich untersucht, sondern zugleich den Dialog mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sucht. Gerade dieser inter- und transdisziplinäre Charakter hat mir am bidt immer besonders gefallen.
Deshalb habe ich mich bereits sehr gefreut, als ich vor einiger Zeit für das Direktorium angefragt wurde. Dass sich nun die Möglichkeit ergeben hat, den Vorsitz zu übernehmen, ist für mich eine große Chance. Ich forsche seit vielen Jahren zu Fragen der Digitalisierung, habe auch Erfahrung in außeruniversitären Forschungskontexten gesammelt und mich intensiv mit Forschungsmanagement beschäftigt. Insofern passt diese Aufgabe sehr gut zu meinem wissenschaftlichen Profil und zu dem, was mich antreibt.
Hinzu kommt: Ich habe große Lust darauf, gemeinsam mit dem tollen Team am bidt etwas zu bewegen. Im Moment kann ich mir kaum eine schönere Aufgabe vorstellen.
Welches Thema möchten Sie am bidt künftig stärker in den Fokus rücken?
Ein Themenbereich, den ich in den nächsten Jahren am bidt gerne stärker im Fokus sehen würde, ist Arbeit und Wirtschaft. Am bidt gibt es dazu bereits breit aufgestellte interdisziplinäre Forschung, an die sich gut anknüpfen ließe. Zugleich ist die Frage, inwieweit sich die Digitalisierung in der Wirtschaft in Bayern niederschlägt, für viele andere Themen höchst relevant. Deswegen würde ich den Bereich gern mehr in den Vordergrund bringen.
Welche Erfahrung in Ihrer beruflichen oder fachlichen Entwicklung hat sich im Rückblick als besonders wertvoll erwiesen?
Da gibt es natürlich viele Erfahrungen. Ich glaube, die wichtigste ist meine ursprüngliche Berufsausbildung als Werkzeugmacherin. Für meine spätere Forschung als Soziologin war das eine sehr wertvolle Grundlage. Denn in dieser Ausbildung lernt man Präzision, Geduld und ein genaues Verständnis dafür, wie verfahrenstechnologische Prozesse in der Metallfertigung konkret funktionieren. In der Forschung braucht es ebenso Geduld und Präzision.
Besonders deutlich wurde diese Verbindung für mich, als die Debatte um Industrie 4.0 aufkam. Da kamen zwei Stränge zusammen, die zunächst gar nicht planbar miteinander verbunden waren: meine frühere berufliche Erfahrung in der Industrie und meine wissenschaftliche Arbeit zur Digitalisierung. Im Rückblick war genau diese Verbindung sehr wertvoll, weil sie mir ermöglicht hat, digitale Transformation nicht nur abstrakt zu betrachten.
Was war ein „Aha“-Moment in Ihrer Forschung, der Ihren Blick auf digitale Transformation verändert hat?
Einen solchen Moment hatte ich relativ früh in der aktuellen KI-Debatte, als sich ChatGPT und andere Anwendungen gerade im Arbeitsalltag verbreiteten. In einem Projekt gab es einen Konflikt mit Projektpartnern. Einer meiner Mitarbeiter kam daraufhin zu mir und hatte sich von einer KI mehrere mögliche E-Mail-Antworten formulieren lassen: eine eher deeskalierende, eine neutralere und eine eskalierende Version. Interessant war für mich, dass er trotz dieser Vorschläge zu mir kam und fragte: Welche davon sollen wir jetzt nehmen? Das war ein erfahrener Mensch mitten im Berufsleben, der die Situation einschätzen konnte und dennoch eine zusätzliche Instanz in diesen Entscheidungsprozess einbezog. Da habe ich gemerkt: Hier verändert sich etwas. Wenn Menschen bei alltäglichen Entscheidungen im Arbeitsleben zunächst eine KI befragen und danach nicht unbedingt sicherer sind, das ist interessant!
Welche unbequeme Wahrheit über KI und Digitalisierung müsste man häufiger aussprechen?
Das Wichtigste im Moment ist, dass man in Bezug auf KI gar nicht oft genug betonen kann: KI macht Prognosen – und alles, was sie ausgibt, muss ich eigentlich überprüfen. Und das setzt voraus, dass ich in der Lage sein muss, es überprüfen zu können. Die Vorstellung, dass der Mensch eigentlich nichts mehr können muss, weil ja die KI alles kann, ist eine ziemlich große Illusion. Dieser Illusion verfallen aber viele Menschen, weil die KI vor allem sprachlich sehr überzeugend auch das Unwahrste als wahr darstellt. Hier kann man einfach nicht oft genug betonen, dass etwas gut klingen und trotzdem komplett falsch sein kann. Damit müssen wir lernen umzugehen: Wir haben es mit einer Technik zu tun, die nicht einfach „nicht funktioniert“ – was ich dann ja sofort merken würde –, sondern die immer so aussieht, als ob sie funktioniert. Selbst dann, wenn sie Unsinn ausspuckt. Ich glaube, daran haben wir uns alle immer noch nicht gewöhnt.
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