WWie lässt sich technologische Innovation so gestalten, dass ethische Verantwortung nicht auf der Strecke bleibt? Das bidt-Projekt „Ethik in der agilen Softwareentwicklung“ (EDAP) hat dafür nicht nur Problembewusstsein geschaffen, sondern konkrete Antworten entwickelt. Statt Ethik als nachgelagerte Prüfung oder moralischen Zusatz zu verstehen, rückte EDAP sie dorthin, wo über digitale Systeme tatsächlich entschieden wird: in den Entwicklungsprozess selbst. Im Fokus stand die Aufgabe, ethische Reflexion methodisch so zu verankern, dass sie auch unter den Bedingungen agiler Softwareentwicklung handlungsrelevant wird.
Mit „Introduction to Ethical Software Development“ liegt zum Projektabschluss nun ein Buch des Projektteams vor. Dr. Jan Gogoll und Dr. Niina Zuber führen darin die zentralen Ergebnisse des Projekts in kompakter, frei zugänglicher Form zusammen. Der bei Springer erschienene Open-Access-Band zeigt, wie sich die Schnittstelle von Technologie und Ethik aus der Perspektive der Entwicklung denken lässt – also aus jener Perspektive, in der Entscheidungen über Ziele, Prioritäten und Wirkungen von Software konkret werden. Das folgende Videointerview führt diese Überlegungen weiter: Gogoll und Zuber sprechen darin über Verantwortung im Entwicklungsalltag, über organisatorische Voraussetzungen ethischer Deliberation und über die Frage, warum gerade im Zeitalter von KI-generiertem Code menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar bleibt.
Was braucht es organisatorisch, damit ethische Überlegungen im Arbeitsalltag von Softwareentwicklerinnen und -entwicklern wirklich stattfinden können?
Jan Gogoll:Damit ethische Überlegungen im Arbeitsalltag von Softwareentwicklerinnen und -entwicklern tatsächlich wirksam werden, braucht es mehr als guten Willen oder allgemeine Appelle. Entscheidend sind die organisatorischen Rahmenbedingungen: also Zeit, Ressourcen und Anreize, um ethische Fragen überhaupt stellen und bearbeiten zu können. Wenn in Entwicklungsprozessen ausschließlich kurzfristige Ziele wie Effizienz oder „time-to-market“ zählen, haben ethische Überlegungen einen schweren Stand.
Ethische Softwareentwicklung setzt deshalb Strukturen voraus, in denen solche Fragen frühzeitig eingebracht und ernst genommen werden – etwa in der Planung, in klar definierten Rollen und in einer offenen Teamkultur. Organisationen verfügen häufig bereits über ethisches Wissen; entscheidend ist, dass dieses Wissen auch genutzt wird. Ethische Softwareentwicklung sollte daher keine Heldentat Einzelner sein, sondern organisatorisch ermöglicht und im Prozess verankert werden.
Warum ist ethische Softwareentwicklung heute überhaupt so wichtig?
Niina Zuber:Ethische Softwareentwicklung ist heute so wichtig, weil Software unseren Alltag in nahezu allen Bereichen mitprägt. Sie beeinflusst, wie wir arbeiten, kommunizieren, lernen und Entscheidungen treffen. Deshalb sollte Software nicht nur technisch leistungsfähig sein, sondern auch fair, sicher, transparent und verantwortbar.
Dabei geht es nicht allein darum, Schäden zu vermeiden. Gut entwickelte Software kann auch ganz konkret zum Positiven beitragen: Sie kann Menschen unterstützen, Teilhabe fördern, Vertrauen stärken und den Alltag verbessern. Ethische Softwareentwicklung bedeutet daher nicht nur, Risiken zu begrenzen, sondern bewusst Software zu gestalten, die gesellschaftlich hilfreich ist.
KI-Coding-Assistenten wie Claude Code oder Codex schreiben heute selbst Code – oft schneller als Menschen. Verändert das die ethische Verantwortung der Entwicklerinnen und Entwickler? Oder macht es sie sogar wichtiger?
Jan Gogoll:KI-Coding-Assistenten machen ethische Verantwortung eher wichtiger als weniger wichtig. Sie können zwar sehr schnell Code erzeugen, verstehen aber nicht den sozialen oder moralischen Kontext, in dem dieser Code später wirksam wird. Sie machen Vorschläge, übernehmen aber keine Verantwortung – weder für Datenschutz noch für Fairness, Sicherheit oder mögliche Schäden.
Die normative Urteilsleistung bleibt deshalb beim Menschen. Die Rolle von Entwicklerinnen und Entwicklern verändert sich damit: weg vom reinen Schreiben jeder einzelnen Zeile, hin zu stärkerer Prüfung, Auswahl und Verantwortung. Gerade weil KI die Entwicklung beschleunigt, braucht es umso mehr menschliches Urteilsvermögen – damit nicht einfach nur schneller, sondern auch verantwortbar entwickelt wird.
Zum Forschungsprojekt
Ethik in der agilen Softwareentwicklung (EDAP)
Zum Zum Open-Access-Buch
Introduction to Ethical Software Development
Der Beitrag Drei Fragen an das Team des bidt-Projekts Ethik in der agilen Softwareentwicklung erschien zuerst auf bidt DE.
