Digitale Wissenschaftskommunikation: Strategien für Medienarbeit und öffentliche Konflikträume (Teil 2/2)

Nachdem der erste Blogbeitrag dieser Reihe gezeigt hat, wie Forschende digitale Sichtbarkeit aufbauen und passende Kommunikationsformate nutzen können, richtet dieser zweite Teil den Blick auf den Umgang mit öffentlicher Aufmerksamkeit: Wie lassen sich Medienanfragen einschätzen? Wie gelingen Interviews? Und wie können Forschende reagieren, wenn wissenschaftliche Aussagen in digitalen Räumen kontrovers diskutiert oder persönlich angegriffen werden?

Teil 1

Digitale Wissenschaftskommunikation: Wege zur digitalen Sichtbarkeit (Teil 1/2)


Medienanfragen und Interviews: Gut vorbereitet in die Öffentlichkeit

Wer sichtbar ist, wird von Journalist:innen angefragt. Das bietet die Möglichkeit, Forschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen – erfordert jedoch eine sorgfältige Vorbereitung.

Nach der Anfrage: Erst prüfen, dann zusagen

Vor der Zusage zu einem Interview sollte das Medium sowie der/die anfragende Journalist:in recherchiert werden. Werden Themen sachlich eingeordnet oder eher zugespitzt dargestellt? Hilfreich ist der Austausch mit Kolleg:innen oder der Kommunikationsabteilung der eigenen Institution, die bereits Erfahrungen mit dem jeweiligen Medium gemacht haben. Zudem sollte darauf geachtet werden, welche weiteren Gesprächsparteien eingeladen sind, da dies maßgeblich Ton, Dynamik und inhaltliche Ausrichtung eines Beitrags beeinflussen kann. Falls Zweifel an einer fairen Darstellung bestehen, ist eine Absage oft sinnvoll.

Darüber hinaus sollten die Rahmenbedingungen frühzeitig geklärt werden: Handelt es sich um ein Live-Interview oder um einen geschnittenen Beitrag? Gibt es ein Vorgespräch? Wer ist die Zielgruppe? Ebenso sollten Zeitpunkt und Format der Veröffentlichung geklärt werden, um frühzeitig die Verbreitung des Interviews über eigene Kanäle zu planen.

Vor dem Interview: Kernbotschaften vorbereiten

Vor dem Interview sollte man für sich selbst klar definieren, welche Aussagen vermittelt werden sollen. Bei kooperativen Forschungsprojekten ist eine Abstimmung mit allen Co-Autor:innen notwendig. Ebenso sollte vorab mit der Institution und Förderorganisation geklärt werden, ob Vorgaben zur Pressearbeit bestehen. Dabei sollten zentrale Botschaften, „No-Go“-Aussagen und Themen mit Unsicherheiten, zu denen man keine Aussage treffen kann, festgelegt werden.

Da Medien häufig kurze und zitierfähige Aussagen benötigen, sollte man üben, Kernaussagen in ein bis zwei Sätzen auf den Punkt zu bringen. Auch kritische Fragen, wie „Ist das nicht gefährlich?“ oder „Haben Sie sich geirrt?“, sollten vorab durchdacht werden. Zudem ist darauf zu achten, Zahlen und Effekte konsistent zu kommunizieren, denn unterschiedliche Formulierungen führen schnell zu verzerrter Berichterstattung.

Während des Interviews: Verständlich und präzise bleiben

Wissenschaftliche Inhalte sollten möglichst einfach vermittelt werden: kurz, mit wenig Fachjargon, wenigen Zahlen, keiner Ironie und anschaulichen Beispielen. Auch wenn man selbst meint, zu trivial zu werden, wird das Publikum dieses Gefühl nicht haben. Bei Interviews, die geschnitten werden, sollte man wichtige Sätze so formulieren, dass sie auch isoliert korrekt bleiben, und kurze Pausen dazwischen einbauen.

Wenn Fragen nicht sicher beantwortet werden können, sollte dies offen kommuniziert werden. Insbesondere sollte man sich nicht dazu drängen lassen, Aussagen außerhalb der eigenen Expertise zu treffen oder persönliche Meinungen zu äußern. Statt „Kein Kommentar“, was beim Publikum den Eindruck mangelnder Transparenz erwecken kann, sollte man erklären, warum man keine Aussage treffen kann, und zurück zur Kernbotschaft führen. Fehlerhafte oder missverständliche Aussagen sowie falsche Schlussfolgerungen durch das Gegenüber sollten unmittelbar korrigiert werden.

Nach dem Interview sollten Forschende für Rückfragen erreichbar bleiben, sachliche Faktenchecks anbieten und mögliche Fehler in der Berichterstattung unmittelbar und konkret korrigieren. Nach der Veröffentlichung empfiehlt es sich, das Interview aktiv über eigene Kanäle zu begleiten und mit der Kommunikationsabteilung der eigenen Institution einzuordnen und zu verbreiten.

Umgang mit kontroversen Themen und digitalen Angriffen

Digitale Kommunikationskanäle schaffen eine neue Nähe zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Forschungsergebnisse können schnell, direkt und niedrigschwellig verbreitet werden; gleichzeitig können Nutzer Inhalte kommentieren, weiterverbreiten oder öffentlich infrage stellen. Dadurch verlagern sich wissenschaftliche Debatten zunehmend in unmoderierte, emotionale und häufig anonyme digitale Räume.

Wenn Wissenschaftskommunikation eskaliert

Besonders Forschende, die an politischen, moralischen oder identitätsbezogenen Themen arbeiten – etwa Klima, Migration, Medizin, KI oder Gender –, können in den Fokus eines sogenannten „Firestorm“ geraten. Darunter versteht man eine plötzliche Welle emotionalisierter Aufmerksamkeit und Kritik in sozialen Medien. Wissenschaftliche Aussagen werden verkürzt, aus dem Kontext gerissen oder moralisch aufgeladen und verbreiten sich dadurch besonders schnell. Oft verstärken sich dabei gegensätzliche Gruppen gegenseitig, während auch klassische Medien die Dynamik aufgreifen können. Problematisch ist insbesondere, dass sich die Kritik häufig nicht mehr nur gegen Inhalte richtet, sondern gegen die Person selbst.

Die Folgen können erheblich sein: von öffentlichem Druck über Reputationsschäden bis hin zu persönlichen Angriffen, Hassnachrichten oder Drohungen und Doxxing. Solche Angriffe sind zwar selten, aber keineswegs ungewöhnlich. Eine „Nature“-Befragung unter COVID-19-Forschenden zeigte, dass fast 60 Prozent der Befragten Angriffe auf ihre Glaubwürdigkeit erlebt hatten; 15 Prozent berichteten sogar von Todesdrohungen.

Schutzmaßnahmen zu digitalen Angriffen

Ein wirksamer Schutz vor digitalen Eskalationen beginnt bereits im Vorfeld: Wissenschaftler:innen können präventiv auf eine seriöse Außenwirkung achten, Interviews mit reißerisch arbeitenden Medien vermeiden und auf eine differenzierte Berichterstattung hinwirken. Dennoch ist wichtig zu betonen, dass kontroverse Forschung nicht vermeidbar und für gesellschaftlichen Fortschritt notwendig ist. Firestorms entstehen häufig schnell, emotionalisiert und nicht selten unfair, sie lassen sich selbst durch eine professionelle Kommunikationsstrategie nicht in allen Fällen verhindern.

Besteht ein erhöhtes Risiko für öffentliche Anfeindungen, beispielsweise weil bald eine kontroverse Studie publiziert wird, sollten frühzeitig Schutzmaßnahmen getroffen werden. Dazu zählen das Entfernen sensibler persönlicher Daten (z. B. Adresse oder Informationen zu Familienmitgliedern) aus dem Internet sowie der Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks, beispielsweise aus Kolleg:innen, der Kommunikationsabteilung der Institution oder externen Beratungsstellen wie HateAid.

Im Ernstfall gilt es, zunächst die Lage zu analysieren und nicht impulsiv zu reagieren. Kommentare und Nachrichten sollten möglichst strukturiert moderiert und dokumentiert werden; bei Bedarf können Kommentarfunktionen auch zeitweise eingeschränkt werden. Bei ernsthaften Bedrohungen sollten die Institution und die Polizei frühzeitig eingebunden werden. Ebenso sollten Familie, Freunde und Mitarbeitende informiert werden, damit private Daten nicht extern kommuniziert werden.

Öffentliche Kritik kann belastend sein – muss aber nicht lähmen. Wer sich vorbereitet, kann auch kontroverse Themen verantwortungsvoll und selbstbewusst vertreten. Gleichzeitig bietet öffentliche Aufmerksamkeit die wichtige Chance, Forschung sichtbar zu machen, gesellschaftliche Debatten mitzugestalten, Menschen außerhalb der Wissenschaft zu erreichen sowie Vertrauen in Forschung zu stärken und wissenschaftliche Erkenntnisse breit zugänglich zu machen.

Zum Arbeitskreis

bidt-Arbeitskreis „Research for the Public“


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