Seit zehn Jahren steht der Italiener Gianni Infantino als Präsident an der Spitze der Fédération Internationale de Football Association, kurz FIFA.
Er ist nicht nur eine der mächtigsten Personen im Weltsport, sondern auch eine der am stärksten kritisierten – und dennoch so sicher auf seinem Posten wie kaum ein anderer Funktionär.
Aktuell steht dieser Status erneut auf dem Prüfstand. Kumpelhaftes Auftreten mit US-Präsident Donald Trump während der WM, inklusive vermeintlicher Einmischung in den sportlichen Wettbewerb, sorgte bereits für Gegenwind, verblasst aber im Kontrast zu den Plänen, die der Italiener kurz nach dem Turnier enthüllte: die teilweise Veräußerung der kommerziellen Rechte an der Weltmeisterschaft. Zu Fall birngen dürfte Infantino aber auch diese Krise nicht.
Warum das so ist, dafür liefert Tobias Thune Jacobsen, Sportwissenschaftler an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, drei Gründe. Jacobsen beschäftigt sich in seiner Forschung vor allem mit den Machtspielen im Sport.
Der Originalartikel erschien kürzlich im populärwissenschaftlichen Nachrichtenmedium VIDENSKAB DK.
Mechanismus eins: Infantino spricht zu denen, die wählen – nicht zu uns
Viele Fans und Medien sprechen über Fußball als den Sport des „Volkes“, als etwas, das den Fans, lokalen Vereinen und Nationalmannschaften gehören sollte – und nicht der Spitze internationaler Verbände.
Infantino ist jedoch nicht davon abhängig, was Zuschauerinnen und Zuschauer denken. Er ist abhängig von den Stimmen der 211 nationalen Fußballverbände, aus denen die FIFA besteht.
Wenn er mehr WM-Plätze für Afrika und Asien, höhere Entwicklungsmittel für kleine Verbände und mehr Turniere verspricht, richtet er sich direkt an diejenigen, die über sein politisches Schicksal entscheiden.
Ein nationaler Verband kann über die Menschenrechtslage in einem Gastgeberland zutiefst besorgt, gleichzeitig aber wirtschaftlich und sportlich von der FIFA abhängig sein.
Zugleich hat Infantino durch das FIFA-Forward-Programm und Pläne für neue kommerzielle Unternehmen den Mitgliedsverbänden deutlich erhöhte Entwicklungsmittel versprochen: zusätzliche Milliarden von Dollar für Sportanlagen, Talentförderung und Aktivitäten der Nationalteams – eine goldene Chance für diejenigen, die für ihn stimmen.
In der Praxis bedeutet das, dass Infantino in Europa und in der breiteren Öffentlichkeit unbeliebt sein kann, aber dennoch über solide Unterstützung unter den Verbänden verfügt, die wählen.
Das ist klassische Organisationslogik: Der innere Kreis wird gegenüber dem äußeren Image priorisiert.
Wenn Infantino seine Macht erhalten will, richtet er seinen Blick in erster Linie auf die Verbände, die bei der nächsten Wahl für ihn stimmen sollen – nicht darauf, was europäische Zeitungen schreiben oder welche Stimmung unter den Fans in Stadien und sozialen Medien herrscht.
UEFA gegen FIFA: Moral- oder Machtkampf?
Der aktuelle Konflikt zwischen FIFA und UEFA über den Verkauf künftiger WM-Rechte an eine neue kommerzielle FIFA-Einheit veranschaulicht genau diese Logik.
Kürzlich stellte Infantino Pläne vor, ein Unternehmen zu gründen, an dessen Rechten für künftige Weltmeisterschaften und andere Turniere sich externe Investoren beteiligen könnten. Der Plan stieß bei der UEFA, und mehreren anderen Verbänden, auf heftigen Widerstand. Inzwischen wurde er verworfen.
Die UEFA drohte als Reaktion sogar damit, FIFA-Turniere zu boykottieren, und warnte öffentlich, der Plan „verkaufe die Seele des Fußballs“ an private Investoren.
Hinter der Rhetorik stehen jedoch auch sehr konkrete Interessen: Die Champions League und die europäischen Klubwettbewerbe sind wirtschaftliche Goldgruben, über die die UEFA ein starkes Interesse daran hat, die Kontrolle zu behalten.
Wenn die FIFA über ein kommerzielles Unternehmen noch stärkeren Zugriff auf globale Rechte und Geldströme erhielte, könnte dies auf lange Sicht die eigene Position und das Geschäftsmodell der UEFA schwächen. Wenn die UEFA die FIFA kritisiert, geht es daher nicht nur um moralische Werte, sondern in hohem Maße auch um die Verteidigung eigener wirtschaftlicher Monopole.
Das macht es weniger wahrscheinlich, dass die Kritik allein zu grundlegenden Veränderungen führt. Sie ist ebenso sehr Teil eines Machtspiels zwischen zwei kommerziell starken Akteuren wie eine Auseinandersetzung mit dem System.
Der aktuelle Konflikt zeigt somit sowohl Infantinos Strategie als auch die Gegenstrategie der UEFA. Zugleich unterstreicht er, dass der Kampf um die „Seele“ des Fußballs zu einem erheblichen Teil auch ein Kampf um Geld und Kontrolle ist.
Mechanismus zwei: Mehr Fußball als Antwort auf Kritik
Ob Korruption oder Sportswashing, wann immer die FIFA kritisiert wird, ist Infantinos Antwort oft ganz einfach: mehr Fußball, mehr Spiele, größere Turniere.
Das kommt an – wer möchte schließlich nicht mehr Fußball?
Dahinter steckt aber vor allem auch eine wirksame Methode, den Fokus von kritischen Fragen – etwa zu Gastgeberländern und Governance – auf konkreten Sport zu verlagern – und auf neue Möglichkeiten zur Teilnahme und zum Gelderwerb. Zeitgleich verspricht der FIFA-Präsident Belohnungen für die Verbände, die ihn unterstützen.
So erklärte Infantino nach seiner Wiederwahl 2023, es brauche „way more football and not less competitions“, und präsentierte zugleich sowohl die erweiterte WM-Endrunde als auch eine neue Klub-WM mit 32 Mannschaften als „fantastische Chance“ für mehr Länder und Vereine weltweit.
Hier nutzt Infantino die Grundlogik der Soft Power im Sport: Die Vision, bei einer Weltmeisterschaft zu spielen, größere Sichtbarkeit zu erlangen oder mehr Mittel für Anlagen und Talente zu erhalten, macht es für nationale Funktionäre oft schwierig, „Nein“ zu sagen – trotz eigener Bedenken oder Kritik durch Medien und Fans.
Mechanismus drei: Der Konflikt aktiv nutzen
Es mag paradox klingen, doch selbst starke Kritik schwächt Infantino nicht zwingend – im Gegenteil: Er kann sie aktiv nutzen und umkehren. Sie wird zu einer Ressource, mit der sich der Rest der Welt gegen Europa hinter ihm versammeln lässt.
Wenn europäische Medien, große Klubs und Politiker die FIFA kritisieren, kann Infantino sich als derjenige positionieren, der den „globalen Fußball“ gegen eine europäische Elite verteidigt, die bestimmen möchte.
Er kann das Bild zeichnen, dass es bei der Kritik um einen Machtkampf zwischen reichen europäischen Spitzenklubs und dem Rest der Welt geht, und dadurch Unterstützung bei Verbänden mobilisieren, die sich übersehen fühlen.
Das zeigte sich unter anderem in seiner Rede vor der Weltmeisterschaft in Katar 2022, in der er die europäische Kritik als „heuchlerisch“ bezeichnete und Europa dazu aufforderte, sich „für die letzten 3.000 Jahre“ zu entschuldigen. Dabei stellte er sich selbst sowie die FIFA als diejenigen dar, die den Rest der Welt gegen eine moralisierende europäische Elite verteidigen würden.
Er schafft ein Narrativ, nach dem es bei der Kritik um einen Machtkampf zwischen reichen und armen Verbänden, zwischen Europa und dem Rest der Welt geht.
In seiner Forschung zu Sportswashing und Soft Power beschäftigt sich Tobias Thune Jacobsen auch mit der Frage, wie Kritik an großen Sportereignissen Gastgebern und Organisationen nicht nur schaden kann.
So kann sie kann auch dazu eingesetzt werden, intern Unterstützung zu mobilisieren, indem ein Bild von „wir gegen die“ gezeichnet wird.
Diesen Prozess beschreibt der Forscher als „Reverse Sportswashing“: wenn Kritik von außen in ein Argument für inneren Zusammenhalt und Loyalität verwandelt wird und dadurch letztlich diejenigen stärkt, die kritisiert werden, statt sie zu schwächen.
Infantino versteht es gut, mit diesen Spannungen zu spielen. Je mehr Konflikt es zwischen dem europäischen Fußball und der FIFA gibt, desto leichter fällt es ihm, Loyalität in anderen Regionen aufzubauen, die sich übersehen oder unterrepräsentiert fühlen.
Fans und Medien haben Macht – aber indirekt
Bedeutet das, dass Fans und Journalisten bedeutungslos sind? Nein. Öffentliche Kritik kann…
- …es für demokratische Regierungen politisch kostspieliger machen, problematische Gastgeberländer zu unterstützen.
- …Sponsoren dazu drängen, ihre Strategie zu ändern.
- …nationale Verbände beeinflussen, die einen Reputationsverlust fürchten.
Allerdings trifft Kritik Infantino nur selten direkt. Sie bewegt sich vielmehr über mehrere Stationen: von Fans und Medien in die Politik, zu Sponsoren und Verbänden – und erst danach, im besten Fall, zur FIFA-Spitze. So kann es zwar massive öffentliche Opposition gegen die FIFA und Infantino geben, intern aber bleibt die Unterstützung in der Organisation bestehen.
Der aktuelle Konflikt zwischen FIFA und UEFA zeigt, wie begrenzt der tatsächliche Handlungsspielraum oft ist.
Mag die Kritik in Worten zwar scharf ausfallen, sind beide Seiten wirtschaftlich und sportlich doch tief voneinander abhängig.
Die UEFA braucht FIFA-Turniere, und die FIFA braucht die europäischen Klubs und ihre Stars. Daher ist es realistischer, dass der Konflikt mit einem Kompromiss über die Verteilung der Einnahmen endet als mit einer tatsächlichen Reform der Machtstruktur im Weltfußball.
Mit anderen Worten: Sowohl Infantino als auch seine Kritiker sind an dasselbe System gebunden – und das begrenzt, wie weit die Kritik das Machtgleichgewicht verschieben kann.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Infantino ist daher nicht bloß ein „Bösewicht“ in einem sportpolitischen Thriller. Er ist auch ein Produkt eines Systems, in dem das globale Wachstum des Fußballs, Wirtschaft und politische Macht eng miteinander verflochten sind.
Seine Art, Krisen zu überleben, sagt etwas Grundlegendes über die Rolle des Sports als Soft-Power-Instrument aus. Und darüber, wie Sportswashing und Reverse Sportswashing zu einem festen Bestandteil des politischen Werkzeugkastens im internationalen Fußball geworden sind.
Will man das System verändern, reicht es nicht aus, die Person auszutauschen. Man muss die gesamte Art und Weise diskutieren, wie die FIFA und internationale Sportorganisationen Macht, Geld und Stimmen verteilen – und welche Rolle Fans, Spieler und nationale Verbände in der künftigen Fußballdemokratie spielen sollen.
Andernfalls wird der nächste FIFA-Präsident über viele derselben Werkzeuge verfügen, die Infantino heute nutzt, um Krisen zu überstehen. Und die Geschichte vom „am meisten kritisierten, aber zugleich sichersten Mann im Fußball“ wird sich wiederholen.
Kontakt
Tobias Thune Jacobsen, Lehrstuhl für Sportwissenschaften, E-Mail: tobias-thune.jacobsen@stud-mail.uni-wuerzburg.de
