Dörfer: unterschätzter Lebensraum mit Potenzial

Bei der Forschung zu Lebensräumen bestäubender Insekten fristen Dörfer bislang eher ein Schattendasein. Das Projekt „Summende Dörfer" , angesiedelt am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie (Zoologie III) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) möchte das ändern.
Im Würzburger Umland und der Rhön sind Forschende in insgesamt 40 Dörfern der Frage nachgegangen, welche Lebensräume im dörflichen Umfeld besonders insektenfreundlich und Artenreich sind – und wo noch nachgebessert werden kann. Die Ergebnisse haben sie nun in der Fachzeitschrift Ecological Applications veröffentlicht.
Fünf Lebensräume definiert
Innerhalb des dörflichen Raums wurden dafür fünf Lebensräume definiert: Grünflächen, Brachflächen, Friedhöfe sowie Haus- und Bauerngärten – also Gärten, in denen neben einer rein ästhetischen Bepflanzung auch Gemüse angebaut wird.
„Überraschend ist vor allem die enorme Wildbienenvielfalt, die im Lebensraum Dorf nachgewiesen werden konnte. Der erste Eindruck täuscht dabei öfters mal; denn es sind nicht zwingend die Flächen, die am buntesten blühen, die auch die größte Artenvielfalt aufweisen“, berichtet Projektkoordinatorin Dr. Fabienne Maihoff.
Obwohl Friedhöfe im Schnitt die blütenreichsten Lebensräume darstellen, fanden die Bestäuber nämlich auf Grün- und Brachflächen häufig bessere Lebensbedingungen vor.
Nicht jede Blüte gefällt
Friedhöfe sind besonders stark vom Menschen beeinflusst. Es wird häufig gemäht und Pflanzen werden vor allem nach Ästhetik ausgewählt – aber nicht alles, was schön blüht, ist gleichzeitig insektenfreundlich. „Gezüchtete Rosen der Gattung Rosa mit gefüllten Blüten sowie Flieder (Gattung Syringa) und Heidekraut (Gattung Erica) sehen zwar schön aus, sind für Bienen und Schwebfliegen aber nicht attraktiv“, erklärt Maihoff. Hinzu kommt, dass den Tieren auf stark kultivierten Flächen häufig die Nistplätze fehlen.
Anders ist es oft auf Grünflächen – kleinen Parks oder Spielplätzen – sowie Brachflächen, etwa unbebauten Bauplätzen – zumindest, wenn die Vegetation auch wachsen darf und nicht durch häufiges Mähen gar nicht zur Blüte kommt. Dann bieten hier freie Bereiche im Boden und naturbelassene Hecken nicht nur Wohnraum, auch das Pflanzenangebot schmeckt den Insekten: „Gebietseigene Wildkräuter wie Arten der Gattung Knautia (Witwenblumen) oder Cirsium (Kratzdisteln) können hier gut gedeihen. Diese sind besonders wertvoll für Bestäuber.“
Allerdings gibt es auch gebietsfremde Zierpflanzen, die als Nahrungsquelle beliebt sein können. Dazu zählen etwa Köcherblümchen (Gattung Cuphea) oder Husarenknöpfchen (Gattung Sanvitalia). „Hier muss man aber beobachten, wie sich die Pflanzen insgesamt ins Ökosystem eingliedern, etwa ob sie wichtige gebietseigene Arten verdrängen“, merkt Fabienne Maihoff an.
Neben den Lebensräumen im Dorf spielt auch die Vernetzung mit naturnahen Flächen in der Umgebung eine wichtige Rolle. Sie können als bedeutende Quellhabitate insbesondere für solitäre Wildbienen dienen. Umgekehrt sind Hummeln in intensivierten Agrarlandschaften häufig auf die in den Dörfern bereitgestellten Nahrungsressourcen angewiesen.
Tipps für Gärtnerinnen und Gärtner
Gerade Friedhöfe bieten also noch viel Potenzial als Lebensraum, aber auch im eigenen Garten können die Menschen einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten. Dafür arbeiten die Forschenden im Projekt mit den Menschen vor Ort zusammen. Teilnehmende erhalten unter anderem Zugang zu Pflanzentipps – diese basieren zum Beispiel auf der aktuellen Studie.
Die Studie zeigt, dass mit angemessener ökologischer Pflege und bestäuberfreundlichen Pflanzen selbst kleine Flächen einer großen Vielfalt an Insekten Lebensraum bieten können und legt nahe, dass Unterschiede in den Habitaten indirekt auf die Verfügbarkeit von Nistplätzen hinweisen, die für den Erhalt der regionalen Bestäuberdiversität besonders wichtig sind.
Umgekehrt kann ein großer Garten auch zu einer regelrechten Wüste werden, wenn er nicht sachgerecht gepflegt wird. Und nicht alles, was im Garten häufig als schön gilt, ist auch ökologisch wertvoll. Vermeintliches Unkraut wie Disteln kann für Bestäuber etwa viel nützlicher sein als so manch beliebte Zierpflanze.
In der aktuell laufenden Projektphase untersuchen die Forschenden außerdem, wie sich zeitliche sowie räumliche Veränderung im Management der Dörfer und der Dorfumgebung – etwa Mähzeiten oder verbindende Elemente zwischen Naturflächen – auf die Artenanzahl und Zusammensetzung auswirken.
Weitere Informationen
Das Projekt "Wildbienen in Dörfern" läuft seit 2020. 2023 startete unter der Überschrift „Summende Dörfer“ die zweite Projektphase. Diese soll 2027 abgeschlossen sein. Unterstützt wird das Projekt vom Biodiversitätszentrum Rhön und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt.
Zur Webseite. https://www.dorfbienen.biozentrum.uni-wuerzburg.de/
Originalpublikation
Sonja Schulze, Fabienne Maihoff, Jie Zhang, Daniela Kessner-Beierlein, Alicia Bender, Annika Schöninger, Andrea Holzschuh, Ingolf Steffan-Dewenter: „More than flowers: Habitat type, floral resources, and landscape context shape pollinator communities in villages”, in Ecological Applications, 24 Feb 2026, DOI: 10.1002/eap.70190
Kontakt
Dr. Fabienne Maihoff, Universität Würzburg, Lehrstuhl für Zoologie III (Tierökologie), dorfbienen@biozentrum.uni-wuerzburg.de