Wie können wir im KI-Zeitalter Solidarität bewahren und unsere Demokratie stärken? Diese Frage zog sich durch alle drei Tage der re:publica 2026 – und spiegelte sich auch in den vier Panels mit bidt-Beteiligung wider. Dabei ging es um ganz unterschiedliche Herausforderungen digitaler Transformation: von Kommunikationsüberwachung und Social-Media-Verboten über Klassenbegriffe im Kontext von Data Work bis hin zur Rolle digitaler Technologien in der Dokumentation von Kriegen.
Wie steht die Gesellschaft zu staatlicher Kommunikationsüberwachung?
Unter dem Titel „Never gonna give up your phone?“ präsentierten Professorin Sabine Pfeiffer, Vorsitzende des bidt-Direktoriums, und Bruno Albert, Wissenschaftlicher Referent Forschung, Ergebnisse zur gesellschaftlichen Wahrnehmung kontrovers diskutierter staatlicher Kommunikationsüberwachung in Deutschland. Pfeiffer und Albert analysierten die Debatte entlang von sechs zentralen Dimensionen – darunter die Nutzung von Sicherheitslücken, der Einsatz von KI, institutionelle Kontrolle sowie die Sorge vor Massenüberwachung. Grundlage war eine Vignettenstudie mit 1.250 Befragten im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „Staatliche Eingriffe in private Endgeräte zur Strafverfolgung“ (SEpES).
Sabine Pfeiffer und Bruno Albert bei ihrem Panel „Never Gonna Give Up … Your Phone?“© bidt
Die Ergebnisse zeigen: Die Zustimmung zu Überwachungsmaßnahmen hängt stark von klaren rechtsstaatlichen Begrenzungen ab. Besonders wichtig sind richterliche Beschlüsse, ein eingeschränkter Datenzugriff sowie eine begrenzte Reichweite der Maßnahmen. Pauschale oder weitreichende Zugriffe stoßen dagegen auf deutliche Ablehnung.
Auch der Einsatz von KI in der Kommunikationsüberwachung wurde differenziert bewertet: Während KI zur Auswertung von Überwachungsdaten eher skeptisch gesehen wird, fällt die Bewertung positiver aus, wenn KI dem Schutz der Privatsphäre dient.
Das Fazit des Vortrags: Für gesellschaftliche Akzeptanz sind vor allem Verhältnismäßigkeit und der Schutz von Grundrechten entscheidend – weniger die konkrete technische Umsetzung der Überwachungsmaßnahmen.
Weiterführende Links
Forschungsprojekt
Staatliche Eingriffe in private Endgeräte zur Strafverfolgung (SEpES)
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Vortrag
„Never gonna give up your phone? Gesellschaftliche Einstellungen zu staatlicher Kommunikationsüberwachung in Deutschland“
Verbieten oder regulieren? Warum das Social-Media-Verbot polarisiert
Das seit Dezember 2025 in Australien geltende Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige sorgt auch in Deutschland für Diskussionen – vor allem darüber, inwiefern ein solches Verbot auch hierzulande sinnvoll sei und ob es Jugendliche vor den Herausforderungen der sozialen Medien wirklich schützen könne.
Diesen Fragen widmete sich auf der re:publica 2026 das Panel „Das verbiete ich dir!!1!1! – Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: erste Fakten statt Bauchgefühl“. Unter der Moderation von Salwa Houmsi diskutierte Think-Tank-Leiter Dr. Roland A. Stürz vom bidt mit Dr. Josephine B. Schmitt vom Center for Advanced Internet Studies (CAIS) sowie Dr. Hannes-Vincent Krause vom Weizenbaum-Institut über erste Erkenntnisse aus Australien und darüber, was Deutschland daraus lernen kann.
Panel „Das verbiete ich dir!!1!1! – Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: erste Fakten statt Bauchgefühl“.© bidt
Besonders im Fokus stand die Frage nach wissenschaftlicher Evidenz. Stürz betonte, dass zwischen wissenschaftlicher Analyse und gesellschaftspolitischer Bewertung unterschieden werden müsse. Forschung könne aufzeigen, welche Risiken und Chancen mit Social-Media-Nutzung verbunden seien – eindeutige kausale Zusammenhänge seien bislang jedoch schwer nachweisbar. Stürz hob zudem hervor, dass politische Entscheidungen nicht allein wissenschaftlich beantwortet werden könnten. Auch gesellschaftliche Werte und Schutzbedürfnisse spielten eine Rolle, entscheidend sei deshalb eine flexible Regulierung mit Möglichkeit zur Nachsteuerung.
Der Psychologe Hannes-Vincent Krause bezeichnete ein mögliches pauschales Verbot als „angstgetriebenen Aktionismus“. Die Forschung zeige bislang weder eindeutig, dass Social Media grundsätzlich psychische Probleme verursache, noch dass Verbote tatsächlich wirksam seien. Entscheidend sei weniger die reine Nutzungszeit als vielmehr die Art der Inhalte, mit denen Jugendliche konfrontiert würden.
Auch Josephine B. Schmitt vom Center for Advanced Internet Studies (CAIS) warnte vor vereinfachenden Lösungen. Soziale Medien seien nicht nur Risikoräume, sondern ebenso Orte von Identitätsbildung, Information und gesellschaftlicher Teilhabe. Verbote könnten problematische Dynamiken sogar unsichtbarer machen – etwa durch Fake-Accounts oder private Gruppen. Stattdessen brauche es stärkere Plattformregulierung, die konsequente Durchsetzung bestehender Regeln wie des Digital Services Act sowie mehr Investitionen in Medienkompetenz und Jugendarbeit.
Ein zentrales Element des Panels war der sogenannte „Hot Seat“, bei dem Jugendliche selbst zu Wort kamen. Sie beschrieben Social Media zugleich als Belastung und als wichtigen sozialen Raum. Zudem kritisierten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in politischen Debatten häufig übergangen zu werden.
Die junge Stimme des Panels auf dem „Hot Seat“.© bidt
Trotz unterschiedlicher Positionen herrschte in einem Punkt weitgehend Einigkeit: Die Debatte über Social Media im Zusammenhang mit Jugendschutz braucht mehr Differenzierung, mehr wissenschaftliche Evidenz und mehr Medienkompetenz statt einfacher Schwarz-Weiß-Lösungen. Plattformen müssen stärker in die Verantwortung genommen werden, ohne Jugendlichen digitale Teilhabe pauschal zu entziehen.
Weiterführende Links
Pressemitteilung
Debatte um Social-Media-Verbot: Fakten statt Bauchgefühl
Policy Brief
Verbot Sozialer Medien. Einstellungen der Bevölkerung (PDF)
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Panel
„Das verbiete ich dir!!1!1! – Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: erste Fakten statt Bauchgefühl“
Digitale Spuren des Krieges: Wie Technologien Menschenrechtsverletzungen sichtbar machen
Wie lassen sich Kriegsverbrechen dokumentieren, wenn klassische Berichterstattung ausbleibt, Beweise flüchtig sind und digitale Plattformen Inhalte löschen oder verzerren? Dieser Frage gingen die Doktorandinnen Lama Ranjous, Mitglied des bidt Graduate Center, und Anastasiia Liulina in ihrem Vortrag „Digital Technology and Conflict Documentation in Syria and Ukraine“ nach. Sie untersuchen, wie digitale Technologien, dezentrale Archive und forensische Verfahren dazu beitragen können, volatile Daten in belastbare Beweise für Kriegsgeschehnisse zu überführen
Schon zu Beginn wird klar: Es geht nicht nur um technische Verfahren. Ranjous und Liulina trafen sich auf der re:publica 2026 zum ersten Mal persönlich. Zuvor hatten sie ausschließlich online zusammengearbeitet. Beide teilen jedoch Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und Verlust. Ranjous forscht am bidt zu Praktiken der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Konfliktkontexten und untersucht, welche Chancen und Grenzen digitale Infrastrukturen für diese Arbeit eröffnen. Als Mitglied der bidt-Arbeitsgruppe „Critical Digital Geographies“ beschäftigt sie sich zudem mit der Frage, wie digitale Werkzeuge, Daten und Plattformen mit Menschenrechten, kritischer Kartografie, Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht zusammenhängen.
Lama Ranjous, Mitglied im Graduate Center am bidt, und Anastasiia Liulina bei dem Vortrag „Digital Technology and Conflict Documentation in Syria and Ukraine“.© bidt
Im Zentrum des Vortrags stand die „politics of visibility“: Wessen Leid wird gesehen, wessen Leid bleibt unsichtbar? Ranjous und Liulina zeigten, dass Kriegsverbrechen ohne Dokumentation nicht nur medial unsichtbar bleiben, sondern auch rechtlich und historisch schwer greifbar werden. Was keine militärische, politische oder mediale Relevanz erhält, verschwindet leicht aus der öffentlichen Wahrnehmung. Digitale Menschenrechtsdokumentation versucht, genau hier anzusetzen: „It’s the work of making the invisible visible“ – etwa durch Zeugenaussagen, Fotos, Videos, Satellitenbilder, Flugdatenauswertungen und Analysen von Befehlsketten.
Wie folgenreich solche digitalen Spuren sein können, zeigte der Blick auf die Ukraine. Die Ukrainerin Iryna Filkina wurde nach ihrem Tod unter anderem anhand ihrer auffällig lackierten Fingernägel identifiziert. Das Bild ihrer Hand wurde weltweit zu einem Symbol für ziviles Leid im Krieg. Später benannten ukrainische Ermittler einen russischen Kommandeur als Verdächtigen im Zusammenhang mit ihrem Tod. Der Fall steht beispielhaft dafür, wie visuelle Spuren, soziale Medien, journalistische Recherche und juristische Verfahren ineinandergreifen können.
Auch die Arbeit der Decentralized Damage Mapping Group, der Ranjous angehört, verweist auf diese Schnittstelle von Technologie, Dokumentation und Verantwortung. Die internationale Initiative nutzt Erdbeobachtungsdaten, um Schäden in Konflikt- und Katastrophengebieten systematisch zu erfassen und sichtbar zu machen.
Der Vortrag der beiden Forscherinnen machte deutlich: Digitale Technologien dokumentieren Krieg nicht neutral und objektiv. Sie entscheiden mit darüber, welche Gewalt sichtbar, überprüfbar und verhandelbar wird. Oder, wie es Ranjous und Liulina abschließend formulierten:
When you see the visible, ask what remains invisible.
Weiterführende Links
Arbeitsgruppe
bidt-Arbeitsgruppe „Critical Digital Geographies“
Graduate Center
bidt Graduate Center
Vortrag
„Digital Technology and Conflict Documentation in Syria and Ukraine“
Click meets Class: Wer arbeitet eigentlich für die KI?
Künstliche Intelligenz gilt als Innovationstreiber der Zukunft – doch hinter vielen KI-Systemen steckt unsichtbare menschliche Arbeit. Dieses Spannungsfeld analysierten Professorin Sabine Pfeiffer (bidt) und Dr. Milagros Miceli (Weizenbaum-Institut) bei ihrem Vortrag „Click meets Class: Technology, Power, and Labor Between Inequality and Solidarity“. Schwerpunkt des Vortrags: Datenarbeit, digitale Ausbeutung und die Frage, wer die Kosten des KI-Booms trägt.
Sabine Pfeiffer und Milagros Miceli bei ihrem Vortrag „Click meets Class: Technology, Power, and Labor Between Inequality and Solidarity“.© bidt
Bereits 2021 beschäftigte das Unternehmen OpenAI über externe Dienstleister Menschen in Kenia, um toxische Trainingsdaten für ChatGPT auszuwerten. Ein unsicherer Arbeitsvertrag und hohe psychische Belastung bei geringer Bezahlung sind dabei an der Tagesordnung. Die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen wird häufig ausgelagert. Die globale Forschungsinitiative „Data Workers’ Inquiry“ macht genau diese oft unsichtbare Arbeit sichtbar. Denn Data Work passiert längst überall: bei Content Moderation, Data Annotation oder algorithmischer Überwachung am Arbeitsplatz. Ob Copywriterinnen und -writer, Angestellte bei Uber oder Beschäftigte großer Tech-Konzerne – digitale Arbeit wird in allen Bereichen zunehmend vermessen, bewertet und optimiert. Damit rückte zugleich ein grundlegendes Missverständnis rund um KI in den Blick:
Die Systeme funktionieren keineswegs autonom oder fehlerfrei. KI versteht die Welt nicht wirklich, sondern arbeitet vielfach mit statistischen Mustern, teils veralteten Daten und produziert fehleranfällige Prognosen. Gerade deshlab braucht es weiterhin Menschen mit Erfahrung, Kontextwissen und Urteilsvermögen.
Prof. Dr. Sabine Pfeiffer
Zum Profil
Studien zeigen zudem, dass die versprochenen Produktivitätseffekte durch die Nutzung von KI oft ausbleiben. So arbeiteten Programmierende in einer Studie mit KI-Unterstützung sogar langsamer – glaubten aber gleichzeitig, produktiver zu sein. Andere Studien zeigen: Unternehmen sehen bislang kaum messbare Produktivitätsgewinne durch KI-Investitionen.
Gleichzeitig verändert KI unsere Arbeit schon heute massiv. Zeitdruck, ständige Kontrolle und kognitive Überlastung nehmen zu – ein Phänomen, das inzwischen unter Begriffen wie „AI Brain Fry“ diskutiert wird. Besonders problematisch wird dies dort, wo KI in sensiblen Bereichen eingesetzt wird, etwa in Medizin oder Mobilität. Wenn Technologien entwickelt werden, ohne reale Arbeitsbedingungen mitzudenken, entstehen neue Risiken und Abhängigkeiten.
Die Frage ist also nicht nur, in welchem Ausmaß KI menschliche Arbeit ersetzt, sondern auch, unter welchen Bedingungen menschliche Arbeit die KI überhaupt erst möglich macht – und wer davon profitiert. Dabei bleibt zu klären, welche Verantwortung Gesellschaft und Unternehmen im Besonderen tragen (sollten). Denn: Hinter jeder „smarten“ Technologie, hinter jedem KI-Chatbot stehen letztlich Menschen.
Vortrag
„Click Meets Class: Technology, Power, and Labor Between Inequality and Solidarity“
Ausgewählte Highlights
Video
re:publica 2026 – Impressionen Tag 1
Video
re:publica 2026 – Impressionen Tag 2
Video
re:publica 2026 – Impressionen Tag 3
Forschungsschwerpunkt
Forschungsschwerpunkt Generative KI
Forschungsprojekt SEpES
Staatliche Eingriffe in private Endgeräte zur Strafverfolgung (SEpES)
Best-of auf LinkedIn
Post: Das war die re:publica 26
Videoaufzeichnungen
Bildergalerie
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© re:publica 2026, Berlin; Photocredit: bidt
Der Beitrag bidt meets re:publica 2026 erschien zuerst auf bidt DE.
